Dorfchronik Bergerhausen - 1925 bis 1932

 

1925

Der Männergesangverein „Eintracht“ Blatzheim feiert sein 50jähriges Bestehen. In der Vereinsliste des Jubiläumsjahres, die sich wie eine Liste der besten Blatzheimer Gesellschaft liest, sind aus Bergerhausen Werner Grouven, Gutspächter (Ehrenausschuß), Peter Schüller, Gutspächter (Ehrenausschuß), Anton Hoch (2. Vorsitzender und 1. Baß), Johann Hardebusch (1. Baß) und Paul Meisen (passives Mitglied) aufgeführt.i
 


 

Der Niederbolheimer Gutsbesitzer und Heimatforscher Alfons Commer widmet dem Verein für dessen Festschrift ein „Büchlein, als die Frucht langjähriger Arbeit meiner Mußestunden, zu schreiben, dass es vielen werde ein Ansporn der Liebe zur Heimat“ und nannte es Efeuranken. Diese Arbeit war eine einzigartige Fundgrube für die vorliegende Heimatgeschichte von Bergerhausen, die ja seit frühesten Zeiten mit der Geschichte Blatzheims verbunden ist. Das Kapitel zu den „Kulturerrungenschaften der neuesten Zeit“ schließt mit den folgenden Ausführungen:

Die früher oft, fast bei jedem Hochwasser, eintretenden Überschwemmungen der an den Neffelbach anschließenden Grundstücke und gar die menschlicher Wohnungen, sind durch die erfolgte Regulierung des Baches glücklich beseitigt und friedlich läuft jetzt bei Hochwasser der Wasserschwall zu Tal.

Wie überall im deutschen Vaterlande steht auch bei uns die Volksbildung in den Schulen und Fortbildungsschulen auf einer großen Höhe. Einstweilen haben wir eine fünfklassige Schule, doch wird diese wohl, der Bevölkerungsziffer entsprechend, vergrößert werden müssen. Nicht immer war es so. Erst Preußen verdanken wir den Schulzwang, und habe ich noch alte Leute gefunden, welche nicht so viel gelernt hatten, ihren Namen schreiben zu können, da sie in das Schiedmannsbuch drei Kreuze statt der Unterschrift malten.“ii

Werbung aus der Festschrift des Männergesangvereins:

 

 

(Lesen Sie zu der Anzeige des Schmiedemeisters Pingen aus der Reihe „Das Handwerk in früherer Zeit“ die Abhandlungen „Der Wagenbauer und Stellmacher“ und “Der Pferdekarren“ von Dietmar Kinder, Heppendorf, sowie den Beitrag „Handkarren, Ochsenwagen, Pferdekarre“ vom Heimatverein Jülich-Welldorf.)
 

Juni 1926

Der diesjährige Schützenkönig ist Heinrich Schütz, Bergerhausen.iii
 


1926 - Erntefest im Wirtschaftshof von Burg Bergerhausen
Foto aus dem Besitz von Sanni Gillessen, geb. Dickmann
 

12. Oktober 1926

Die Dohmen-Brüder Wilhelm und Caspar hatten sich zwei aus Nörvenich stammende Schwestern zur Frau genommen. Dabei war Caspar für ein paar Jahre in Nörvenich hängen geblieben. Dort wird heute ihr zweiter Sohn Jakob geboren.
 

8. November 1927

Clemens Freiherr von Loë ist Trauzeuge bei der in der Pfarrkirche Blatzheim stattfindenden Vermählung seines Neffen Walter Levin Maria Hubert Ghislain Freiherr von Loë (geboren 6.1.1903) mit der Paula Theodora Agnes Maria Aloisia Huberta von Dalwigk zu Lichtenfels.iv Der alte Freiherr gibt dem Brautpaar mit auf den Lebensweg, dass es mit dem Dorf leben und sich für das Dorf einsetzen möge.v

Walters Vater Levinus Clemens Maria Hubertus Freiherr von Loë war gut zwei Jahre vorher, am 5. Juni 1925 auf dem Familienstammsitz im limburgischen Mheer (Niederlande) gestorben. Die Mutter, Margareta Maria Josefine Ghislain Freifrau von Loë geborene Baronin van der Linden zu Hooghorst, war dort bereits am 17. Februar 1922 verstorben.vi

 

 


Foto aus dem Besitz von Kathi Wittwer, geb. Steinke

Weihnachten 1927

Alsbald nachdem im Voxhaus Berlin am 23.10.1923 der erste deutsche Rundfunksender in Betrieb ging, war ganz Deutschland dem „Radiosport“ verfallen. 1926 gab es bereits eine Million Hörer. „Ist es nun bloß der Auswuchs einer Mode oder eine Seuche, die, von einem Bazillus erregt, immer weitere Kreise zieht?“ fragt die „Telefunkenzeitung.

Der Bau bzw. das Betreiben des Gerätes war dem Radiobastler ab Mai 1924 gestattet, aber nur dann, wenn er zuvor eine "Audion-Versuchserlaubnis" erworben hatte. Um das Gerät während der Abwesenheit des Amateurs vor Schäden oder Mißbrauch zu schützen, wurden Röhren und Spulen jeweils demontiert im Unterteil des abschließbaren Holzkoffers deponiert.


Weihnachten 1927 gönnen Heinrich und Margarete Schütz sich den Luxus eines Radioabonnements.

 

 

1928

Die Not der Arbeitslosigkeit veranlasst drei junge Männer aus Oberschlesien ihre Heimat zu verlassen und ihr Glück im wohlhabenderen Rheinland zu versuchen. Nach vergeblichen Versuchen, im Ruhrgebiet unter zu kommen, werden sie nach Bergerhausen verschlagen (und werden dort demnächst Familien gründen): Josef Gebhard („Lange Jupp“), Wilhelm Kania und Robert Titze.vii
 

Freitag, 20. Juli 1928

Nach einer an sich ungefährlichen Magenoperation hatte sich ein Infekt eingestellt, an dessen Folgen die am 24. Dezember 1891 geborene Agnes Dohmen heute um 3 Uhr nachmittags im Krankenhaus Düren verstirbt. Die 36jährige Agnes war unverheiratet geblieben und lebte bei ihrem seit 1920 verwitweten Vater, den sie liebevoll versorgt hat.

Nach dem Tod seiner Schwester Agnes zieht Caspar Dohmen mit seiner Frau Maria Sybille sowie den Söhnen Franz (6) und Jakob (2) zurück in sein Elternhaus (Haus Nr. 33) zu seinem inzwischen 76jährigen, alleinstehenden Vater Franz. Wie bereits sein Vater, arbeitet Caspar als Ackerer auf dem Krümmelshof.

 

 


Agnes Dohmen
Foto: Genealogische Sammlung
F.P. Dohmen/A. Hampicke-Dohmen

 

 

 

Dohmen-Haus Nr. 33
Haus Nr. 33 (wurde im Jahre 1954 abgerissen)
Foto: Sammlung Cilly Zaudig, geb. Dohmen

 

12. September 1928

Aus den Aufzeichnungen der Freiwilligen Feuerwehr Blatzheim:

Am 12. September 1928 abends 8 Uhr wurde die Freiwillige Feuerwehr Blatzheim nach Bergerhausen gerufen, wo die Feldscheune mit fünf dicht dabei stehenden Fruchtbarmen der Freiherr von Loë’schen Gutsverwaltung lichterloh brannten. Die Feldscheune war vollgestopft mit Getreide. Zwischen Feldscheune und Fruchtbarmen standen Dreschmaschine und Ballenpresse, weil mit dem Dreschen begonnen werden sollte. Alles wurde restlos ein Raub der Flammen. Zum Glück herrschte eine günstige Windrichtung, sonst hätte noch größeres Unglück geschehen können, weil die Gutsgebäude der Burg Bergerhausen dicht dabei liegen. Die Wehr konnte nur durch Brandwachen mit an den Hydranten angeschlossenen Schlauchmaterial in Bereitschaftsstellung verbleiben, um bei einer eventuellen Windrichtungsänderung gleich dienstbereit zu sein. Die Brandwache verblieb vom 12.9. 11 Uhr abends bis 13.9. mittags 12 Uhr an Ort und Stelle und zwar zusammengesetzt aus fünf Mann (2. Brandmeister Kreutz, Hornist Engelbert Pingen, Steiger Heller und Görtz Aug. und Spritzenmann Rockstroh Rainer. Vom 13.9. abends bis 14.9. morgens verblieben dieselben Leute außer 2. Brandmeister Kreutz. Die Bespannung des Mannschaftswagens stellte Landwirt Hubert Esser mit 2 Pferden.“ Anmerkung: „Durch Versicherung gedeckt.“viii
 

26. April 1929

Als erstes von insgesamt drei Kindern aus der Ehe des Walter Freiherr von Loë und der Freifrau Paula wird in Mödrath Clemens von Loë geboren.

Im selben Jahr stellt Walter von Loë einen Antrag auf die preußische Staatsangehörigkeit.ix Eine umfangreiche Akte weist nach, welche Schwierigkeiten der junge Freiherr, der nachweislich fließend deutsch, französisch und holländisch sprach, zu bewältigen hatte. Neben Einkommensangaben und zahlreichen Bescheinigungen, die beizubringen waren, mußte auch der Verbleib der Ehegatten von der Geburt bis zur Eheschließung minutiös nachgewiesen werden.x
 

 

1929

Arbeit und Freizeit in Bergerhausen: Peter Beusch bei der Arbeit auf dem Feld; sein Bruder Michael mit Freund Johann Jülich unterwegs auf dem Motorrad.

Fotos aus dem Besitz von Sanni Gillessen, geb. Dickmann

 

 

 

22. Dezember 1929

Vor dem Hintergrund der Weltwirtschaftskrise treten einige Blatzheimer Landwirte zusammen und gründen einen Verein zur Pflege der Gartenkultur („Obst- und Gartenbauverein“). Zu den Bergerhausener Gründungsmitgliedern gehören Clemens (der Ältere) und Walter von Loë, der den ersten Vorsitz übernahm und dies bis zum 31. März 1973 bleiben sollte.xi
 

1930

Den Eheleuten Walter und Paula von Loë wird in Mödrath ein zweiter Sohn geboren, der auf den Namen Degenhard getauft wird.

Walter Freiherr von Loë, neuer Eigentümer der Burg Bergerhausen, verkauft den „Gutshof Mühle“ an die Eheleute Hubert und Elisabeth Stollenwerk, geb. Liebertz. Hubert Stollenwerk widmet sich der Landwirtschaft und verpachtet den Mühlenbetrieb an den Müllermeister Josef Dreiner. Während tagsüber der normale Mühlenbetrieb läuft, wird nachts mit Hilfe der Turbine der Strom erzeugt, mit dem die Burg und der Gutshof „Burgmühle“ versorgt werden.xii
 

17. Dezember 1930

Clemens (der Ältere) Freiherr von Loë verstirbt.xiii Freiherr Clemens war königlich preußischer Kammerherr und (bis 1918) Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses. Sein besonderer Einsatz galt den Problemen der rheinischen Landwirtschaft.xiv

 

1931
 

Fest im Hof der Burgmühle. Links im Bild sehen wir Josef Dickmann mit seiner späteren Ehefrau
Barbara Beusch, die sich hier näher kamen. Daneben: Johann "Jeeße Hennes" Schmitz mit seiner Ehefrau.

Foto aus dem Besitz von Sanni Gillessen, geb. Dickmann

 

29. Februar 1932

Franz Dohmen verstirbt in seinem achtzigsten Lebensjahr. Sein in Oberbolheim lebender Vetter Caspar Dohmen (21.4.1858–25.5.1936), Ackerer, Chorleiter und Komponist, hat uns ein Lied über unsere Heimatlandschaft, das Neffeltal, hinterlassen:
 

Du meine Heimat Neffeltal

 

Es zieht ein Tag gen Norden,
daher von Zülpichs Höh’n,
welch’ Glück ist mir geworden,
weil heim dahin kann geh’n.
Du meine Heimat, Neffeltal,
du bist mir lieb und traut,
|: Nimm einen Gruß vieltausendmal,
bist mehr mir noch als Braut! :|

Ein Bächlein bricht so lieblich,
durch schöne Au’n sich Bahn,
und viele Dörfer friedlich,
die schmiegen sich ihm an.
Du meine Heimat, Neffeltal,
sing ich aus voller Brust!
|: Nimm einen Gruß vieltausendmal,
in dir wohnt Lieb und Lust! :|

Es kam der Tag zum Scheiden,
musst in die Welt so weit,
dort sucht ich Liebe, Freuden
und fand nur Trug und Leid.
Du meine Heimat, Neffeltal,
ruf ich mit Wehmut aus!
|: Nimm meinen Gruß vieltausendmal,
ich ging so gern nach Haus! :|

Wenn ich dereinstens sterbe,
bringt mich dorthin zur Ruh’!
Und Erd’ von Vaters Erbe,
die decket mich dann zu.
Du meine Heimat, Neffeltal,
ich muß von hinnen geh’n!
|: Dir meinen Gruß zum letzten Mal
kann dich nun nicht mehr seh’n! :|



Originalpartitur im Besitz von Engelbert Dohmen, Bergheim

 

31. Juli 1932

Ein denkwürdiger Tag für die deutsche Geschichte. Heute fanden Reichstagswahlen statt, bei der Hitlers NSDAP ihren bis dahin größten Erfolg verbuchen konnte. Die Menschen in unserer katholisch geprägten Region haben mit radikalen Tendenzen am linken oder rechten Rand des Parteienspektrums nichts am Hut. Hier die Wahlergebnisse aus unserer Gemeinde und die des deutschen Reichsgebiets insgesamt:

 

 


Gültige Stimmen
NSDAP
SPD
KPD
Zentrum
DNVP

Gemeinde Blatzheim
838
12,5 %
20,9 %
8,2 %
48,6 %
7,4 %

Deutsches Reich
36,9 Mio.
37,4 %
21,6 %
14,5 %
12,5 %
5,9 %

 

 

 

 

        

 

iFestbuch zum 50-jährigen Jubel-Feste des Männergesangvereins „Eintracht“ Blatzheim, 1925

iiCommer, Alfons, Efeuranken – Beiträge zur Geschichte Blatzheims im Festbuch zum 50-jährigen Jubel-Feste des Männergesangvereins „Eintracht“ Blatzheim, 1925

iiiOnnau, Hans Elmar, Festschrift der Bürger-Schützenbruderschaft St. Kunibert 1849 Blatzheim e.V., 1974, S. 53

ivStandesamt Köln, Aufgebotsverzeichnis Nr. 745, Köln 1, Nr. 13 nach Krings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Kerpener Wasserburgen, Kerpen 1989, S. 17

vAus einem Pressebericht anlässlich Vermählung seiner Tochter am 9.7.1957: „Er (Walter Reichsfreiherr von Loë) gab seiner Freude Ausdruck darüber, dass er angesichts der großen Teilnahme der Dorfbevölkerung an dem Fest seiner Familie annehmen dürfe, den Wunsch seines Onkels, der ihm vor 30 Jahren an der gleichen Stelle bei seiner Hochzeit gesagt habe, dass er mit seiner Frau mit dem Dorf leben und sich für das Dorf einsetzen möge, erfüllt zu haben.“

viKrings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Kerpener Wasserburgen, Kerpen 1989, S. 17

viiMaria Peter, geb. Kania, 8.8.2000

viiiJacobi, Klaus, Festschrift 70 Jahre Freiwillige Feuerwehr Blatzheim, 1970, S. 35/36

ixArchiv der Stadt Kerpen, Bestand Blatzheim, 1920 in Krings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Kerpener Wasserburgen, Kerpen 1989, S. 18

xKrings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Kerpener Wasserburgen, Kerpen 1989, S. 18

xiFestschrift zum 60jährigen Vereinsjubiläum des Gartenbauverein Blatzheim e.V. von 1929, 1989

xiiJosef Krings, Susanne Harke-Schmidt in Mühlen an Neffel und Erft, 1997, Seite 138 f.

xiiiMündlicher Bericht Wilhelm Pingen, Bergerhausen

xivGondorf, B., Die Genossenschaft des Rheinischen Ritterbürtigen Adels 1837 bis 1937, Festschrift zum 100. Jahrestag 1937, Gemünden 1937, S. 130 in Krings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Kerpener Wasserburgen, Kerpen 1989, S. 17

xvWesenberg, Rudolf/Verbeek, Albert/Ohm, Annaliese, Die Denkmäler des Rheinlandes, Kreis Bergheim 1

xviZeitungsbericht vom 8. Januar 1935

xvii Weingarten, Helmut, Die Eisenbahn zwischen Rhein und Erft, Köln 1987

xviiiZeitungsbericht vom 29. Juni 1935

xixKrings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Kerpener Wasserburgen, Kerpen 1989, S. 17

xxZeitungsbericht vom 28. April 1936

xxiJacobi, Klaus, Festschrift 70 Jahre Freiwillige Feuerwehr Blatzheim, 1970, S. 17

xxiiMaria Peter, geb. Kania, 8.8.2000

xxiiiZeitungsbericht vom 5. Oktober 1937