Dorfchronik Bergerhausen 1913 bis 1918

 

 

7. August 1913
   


Pastor August Kugelmeier
Fotoreproduktion:
Sammlung Hans Elmar Onnau

Nachdem der 86jährige Blatzheimer Pfarrer Dechant Ludger Gillessen verstorben war, wurde am 7. August 1913 der 51jährige Pastor August Kugelmeier als Pfarrer im Kirchspiel Blatzheim eingeführt. Der neue Pfarrer schafft es in der 1600 Seelen-Gemeinde in den nächsten neun Monaten sonntags von 30 bis 40 auf 3000 Kommunionen. Er gründet den Mütterverein mit 300 Mitgliedern, die marianische Jungfrauenkongregation mit 150 Mitgliedern, den Jünglingsverein mit 120 Mitgliedern und den katholischen Arbeitsverein St. Josef mit 250 Mitgliedern. Bei der Blatzheimer Bevölkerung genießt der engagierte und mutige neue Pfarrer größte Sympathien.22

> Lesen Sie mehr über Pfarrer Kugelmeier auf der Homepage von Klaus Ripp. <

     
     
Mai 1914

Bei seinem Amtsantritt hatte Pastor Kugelmeier vom Generalvikariat den Auftrag bekommen, die baufällige und zu klein gewordene Kirche neu zu bauen. Das führte zu Auseinandersetzungen mit den wohlhabenden Bauern der Gemeinde sowie mit Bürgermeister Reichert. Anlass dafür war nach der mündlichen Überlieferung aus der Bevölkerung, dass Pfarrer Kugelmeier ein dem Freiherrn Clemens von Loë von der Kirchengemeinde gewährtes zinsgünstiges Darlehen von über 100.000 Mark für den Neubau zurückforderte. Mit diesem Geld, sowie dem Erlös von 16 Morgen Ackerland, dass die Bergerhausener Eheleute Gürtzenich der Kirche vermacht hatten, hätten die für den Neubau benötigten Mittel zur Verfügung gestanden. Nach offizieller Lesart stand dem Kirchenbau entgegen, dass dafür der um die Kirche herum angelegte Friedhof, der der Gemeinde gehörte, nach der Friedhofssatzung mit Rücksicht auf die Totenruhe noch zehn Jahre unangetastet bleiben musste. Kirchenvorstand und Bürgermeister sprachen sich deshalb gegen einen Neubau der Kirche aus und verwiesen auf einen Beschluss vom 22.2.1913, wonach lediglich eine Sanierung des Kirchendachs erfolgen sollte. Der Pfarrer, nahm die Haltung des Bauernstandes zum Anlass einer Predigt über das Bibelwort aus Markus 10, 25 „Es ist leichter, dass ein Kamel durch das Nadelöhr geht, als dass ein Reicher in das Reich Gottes hineinkommt.“ Mit seinen Predigten zog er sich endgültig den Zorn der Dorfobrigkeit zu, die beim Erzbischof in Köln die Versetzung des Pfarrers erwirkte.23

Das empörte die überwiegende Mehrheit der Blatzheimer, und nach dem ihre Bemühungen um den Verbleib des Pfarrers erfolglos geblieben waren, kam es zu Protestaktionen und Tätlichkeiten. Der Ausbruch des ersten Weltkriegs und die Einberufung der Rädelsführer an die Front, brachten die Unruhen zum Erliegen. Die zwischen „Arm und Reich“ entstandenen Feindseligkeiten im „Blatzheimer Katholikenstreit“ wirkten jedoch nach. Noch 50 Jahre später scheren einige ältere Männer aus der Fronleichnamsprozession aus, wenn in Bergerhausen das Gebiet des Freiherrn von Loë erreicht wird.

Weshalb es zu den heftigen Streitigkeiten gekommen ist, läßt sich aus heutiger Sicht nicht leicht erfassen. Wenn man die erhaltenen Schriftwechsel und Presseveröffentlichungen liest, erkennt man schon am Sprachstil, dass weder der Pfarrer, noch seine Widersacher sich konsensfähig zeigten. Die Auseinandersetzung um den Kirchenbau werden nicht der einzige Grund für die Haltung „der Reichen“ gewesen sein. Pfarrer Kugelmeier war alles andere, als ein sanfter Seelenhirte. Im März 1895 war er zu einer Festungshaft verurteilt worden, weil er sich zehn Jahre zuvor der Wehrpflicht entzogen hatte. Gerade dies dürften die preußisch orientierten Zeitgenossen ihm verübelt haben. Das beweist auch eine Passage aus einem an Kugelmeier gerichteten Brief des Onnauer Gutsherrn Stupp vom 29.6.1914:

„Ein Mann der sich der Militärpflicht entzieht, nach Jahren aufgegriffen vor das Kriegsgericht gestellt und nach den Gesetzten abgeurteilt wird; sich nach seinem Eingeständnis im allgemeinen der größten Zuvorkommenheit von seiten seiner Vorgesetzten zu erfreuen, dann nach kurzen Haft begnadigt, seiner Militärpflicht genügt und auch dort bis zur vorzeitigen Entlassung dieselbe Zuvorkommenheit und anständige Behandlung genießt, dann als Dank dafür das Pamphlet „Der schwarze Rekrut“ schreibt, ist für jeden anständigen Menschen abgetan.“

Pastor Kugelmeier schreibt in ähnlichem Tonfall zurück und wirft Stupp unter anderem vor, „in ganz und gar unberufener Weise haben Sie Ihre Galle über einen Priester ausgegossen.“

 

August 1914

Bei Ausbruch des ersten Weltkrieges machen nach Westen ziehende deutsche Truppen Quartier in Burg Bergerhausen.24

Alfons Commer berichtet25: „Bei Ausbruch des Weltkrieges herrschte hier weniger laute Begeisterung, als ruhiger, fester Wille, dem Feinde zu trotzen. Mit einem Schlage waren die Meinungsverschiedenheiten, welche im Jahre 1914 die Gemüter der Einwohner unserer Gemeinde stark bewegt hatten, vergessen durch die gemeinsame Kriegsnot. Eingezogen waren 354 Männer unserer Gemeinde im Alter von 18-53 Jahren zum Kriegsdienste. Mancher kehrte zurück geschmückt mit den Ehrenzeichen des Eisernen Kreuzes und anderer Orden. Alle taten sie ihre Pflicht da wo sie hingestellt waren, sei es Frankreich, Belgien, Rußland, Serbien, Italien, auf See, Balkan, Orient und wo der Krieg sonst noch wütete. Mancher kehrte nie zu seinen Lieben zurück, oder nur schwer verstümmelt. Die Daheimgebliebenen halfen sich so gut sie konnten den Acker zu bestellen und hoch klinge das Lied der fleißigen Frauen und Kinder, die sich abmühten im Sonnenbrande, die Saaten auszusäen und die Ernten einzubringen.

Später waren russische Gefangene, gefangengenommen an den Masurischen Seen, eine gute Hilfskraft.

Deutlich hörte man in Blatzheim die Beschießung von Lüttich und Antwerpen, und als später die Westfront stand, scholl, besonders in den Herbsttagen, der Donner der Geschütze unabbrechend deutlich bis in unsere Gegend.“

     
     
29. Oktober 1914

     
Brief Jean Jülich vom 29.10.1914
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  Brief Jean Jülich vom 29.10.1914, Seite 2
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Eupen, den 29. Oktober 1914

Lieber Hubert!

Habe Deine lieben Karten erhalten, für die ich bestens danke. Konnte Dir nicht eher schreiben, da ich mich an der rechten Hand ziemlich schwer verletzt hatte und kann jetzt noch kaum schreiben. Danke auch bestens dem Joseph und Hein für die freundlichen Grüße.- Hier bei uns in Eupen ist ein Verein für Jugendmannschaft gegründet worden, in den ich auch getreten bin. War vorige Woche Mittwoch, Donnerstag und Freitag bei unseren Truppen in der Front gewesen. War mit meinem Vater bei der Belagerungstruppe von Maas geraten. Ich habe auch Namur und Lüttich, Brüssel und Antwerpen gesehen, also mit einem Wort gesagt, ich bin durch ganz Belgien gereist und 30 km in Frankreich hinein. Wir fuhren mit einem Auto, daß in einer Stunde 110 km zurücklegte. Die Städte Löwen, Mecheln, Lüttich und Havre sind völlig zerstört. Es sieht in Belgien fürchterlich aus.

 


Ich komme Weihnachten sicher einige Tage nach Bergerhausen, dann kann ich es Dir mündlich mitteilen. Es freut mich sehr, daß Du Dich meiner in Bergerhausen oft erinnerst! Ich hoffe, daß Du diesen Brief und überhaupt alle Karten persönlich erhältst. Diesen Brief mußt Du auch meinen Freund Joseph lesen lassen, sonst niemanden. Du mußt entschuldigen, daß ich so sehr schlecht geschrieben habe, ich hoffe, Du kannst aber alles lesen, wenn nicht dann schreibe es mir. Weihnachten bringe ich auch vielleicht ein Flobert mit. Grüße bitte vielmals den Joseph, Hein, Willi, Caspar, Theodor, Matthias, Georg, Agnes Dohmen, Deine beiden Kusinen Trina und Maria, Trina Wildschrei und Annchen, und die rote Agnes.

Sei Du besonders herzlich gegrüßt von Deinem Ib. Freunde Jean

Schreibe mir bitte die Adresse von Deiner Kusine Trina, dann kann ich ihr einmal persönlich schreiben. Also denke daran. Gruß Jean

     
     
15. April 1915

Edmond Hoch bearbeitete Gut Giffelsberg mit Hilfe seiner Frau Agnes geborene Bünger und seines 1883 geborenen Sohnes Anton bis zu seinem Tod am 15. April 1915. Anton tritt die Nachfolge seines Vaters an. Noch bis zu ihrem Tod im Jahre 1932 wird ihn seine Mutter bei der Bewirtschaftung des Gutes unterstützen.26


28. Juni 1915

Georg Dohmen schreibt eine Feldpostkarte an seine Eltern:

     


Georg Dohmen
(Genealogische Sammlung Franz-Peter Dohmen/Agnes Dohmen-Hampicke)

Wilhelm Dohmen Caspar Dohmen
Feldpostkarte von Georg Dohmen; daneben seine Brüder Wilhelm und Kaspar Dohmen
(Genealogische Sammlung Franz-Peter Dohmen/Agnes Dohmen-Hampicke)

Meine lieben Eltern!
Habe das Paket unversehrt erhalten, was mich sehr freute. Kaspar ist ja etwas schnell weggegangen, was mir auch sehr leid tat. Aber, was ist zu machen? Trösten wir uns und fassen Mut. Gott verläßt uns nicht. Hoffentlich habt ihr meinen letzten Brief erhalten. Dieser Krieg bringt in jede Familie Leid und Not. Ich werde nicht unterlassen, Euch öfter zu schreiben. Kaspar hat mir geschrieben. Es geht ihm gut. Er läßt grüßen. Also guten Mut.
Gruß Georg



23. Juli 1917

Adolf, der zweitälteste der Dohmen-Brüder, fällt heute auf dem Schlachtfeld in Frankreich. Er findet seine letzte Ruhestätte in Grab Nr. 1577 auf dem Deutschen Soldatenfriedhof Férin bei Douai (Département Nord), wo 2.141 Gefallene in Einzelgräbern ruhen.27a

Adolf Dohmen
(Genealogische Sammlung Franz-Peter Dohmen/Agnes Dohmen-Hampicke)

 

 
30. September 1917
Josef Fischer (48) vom Krümmelshof schreibt an seinen an der Westfront kämpfenden Freund (?) Hubert:

Brief des Josef Fischer an seinen Bruder Hubert
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(Originalbriefe im Besitz von Karina Altmeyer)
Flora mit Fohlen
Flora mit Fohlen auf dem Burghof bei Schüller (im Hintergrund)

(Pferdefotos aus dem Besitz von Susanne Gilessen, geb. Dickmann)
Bergerhausen den 30.9.1917

Deinen Brief habe erhalten und ersehe daraus, es geht Dir Gott sei Dank den Umständen nach noch zufriedenstellend. Ebenso geht es mit uns. Wir haben hier ein prachtvolles Herbstwetter. Heute morgen hatte es etwas
gewasser reift. Ein guter Regen wäre uns sehr willkommen und nachdem wieder der herrliche Sonnenschein. Ich halte bei diesem Wetter den Monat September und Oktober für die schönste Zeit des Jahres. 100 Tage Sonnenschein sind besser zu ertragen als 3 Tage Regenwetter wenn der Regen nicht gelegen kommt. Beim Dreschen hatten wir auch herrliches Wetter. Dein Bruder Johann kam uns gerade gelegen. Er hat Karren an der Rutsche mit Ballen beladen. Andreas Müller hat hier im Hofe abgeladen. So konnte die Arbeit zum wenigsten weitergeführt werden. Zum Herbste 1918 wird die Sache doch wohl anders liegen. Das Lagerhaus am Bahnhof ist allen Bauern bequem gewesen. Hatte der eine verladen dann füllte der andere wieder. Jetzt ist alles glücklich abgerollt. Die Arbeit in den Stoppeln ging meistens noch gut, erst Mitte September machte sich die Trockenheit fühlbar auf den Feldern die noch nicht bearbeitet waren. Das Pflügen ging im Ganzen noch schön weil unten in der Erde noch Feuchtigkeit ist. Bei dem Pflügen sind die Pferde sehr heruntergekommen. 4 Pferde sind stets zusammen gegangen. Max, Juno, Olga mit Käthy. Käthy ist zugfest und geht schön, nicht so heftig wie Olga. Wenn übermüdet läßt das Fressen zuweilen zu wünschen übrig. Die Zuchtstute Frieda haben wir wieder abgegeben mit genügend Nutzen. Dieselbe wurde zeitweise lahm durch darauftreten und mußte dann unbedingte Ruhe haben. Die beiden Söhne sind gut gewachsen, tragen aber kein Fleisch auf den Rippen. Die zwei größeren beiden Rindern sind zur Zeit im Bungert.

(Nachschrift) Am Freitag haben wir die Gerste gesäet
Hippe Wald am neuen Weg und werden in denselben Gegend Weizen säen am Schmiedeweg und bis Lüpchensfeld. Dann ist der Roggen an der Reihe.
   
Schüller mit Kaltbluthengst
Jakob Schüller mit einem dunklen Kaltbluthengst

Brief des Josef Fischer an seinen Bruder Hubert, Seite 2
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Anmerkungen:
Die Übertragung der alten Handschrift erfolgte so gut es mir möglich war. Einige Wörter oder Passagen bleiben unklar. Korrekturvorschläge sind jederzeit willkommen!

An der Pumpe=später: Hof Klingenmaier
Groummet = Grünmaht (Heu)
Grünt=Grünzeug (Gras)

Josef Fischer Krümmelshof Bergerhausen Josef Fischer, 1911
(aus einem Gruppenbild aus dem Besitz von Käthe Senior +)
Fohlen und Rinder haben sich im Bungert gut erholt, müssen aber jetzt, nachdem für 4 Wochen daselbst geweidet, wieder auf die obere Weide um mit Grünt beigefüttert zu werden. Zu erwarten haben wir im günstigsten Falle für's nächste Jahr etwas von Irma ihr Großen und Flora, alles andere Wurscht. Schüller hat den braunen Hengst verkauft und sich in Frankreich einen neuen schweren dunkel Fuchshengst gekauft. Bei der Ankunft hier sagte Vater Johann das ist doch kein Hengst. Zilken von Forst und Golzheim hatten auch gleichzeitig zwei Hengste dort gekauft beides Füchse. Diese waren besser im Futter. Das Rind, das Du im vorigen Jahr als tragend bezeichnet hattest, hat heute morgen ein schönes Mutterkalb bekommen. Den großen Stier haben wir noch, ebenso Siegfried und Dickchen an der Pumpe. Bei der Auflösung der Kaninchenzucht der Kompagnie in Düren haben wir auch einige Kaninchen angekauft Johann Zirn eine Mutter mit 9 Jungen, Widderkaninchen mit Schlappohren, 1 blaue Wiener Häsin und noch einige Widderkaninchen. Zwei von den Jungen haben wir an den Schwiegersohn von Clemens Esser verkauft sonst hätten wir dieselben jetzt zum Sanitätsdienste abgegeben. Die Kartoffeln haben wir mehr wie zur Hälfte ausgemacht. Dieselben sind schön geworden. Die Kartoffelnot wird nun endlich doch bald aufhören überall und jeder hat wenigstens bis April seinen Bedarf einliegen. Bevor Regen fällt können die Zuckerrüben nicht ausgemacht werden. Dieselben scheinen gut zu sein, auch die Möhren. Wir hatten diesesmal auch etwas Kappus unter die Mohren gesäet. Dieser war besser wie im Garten und haben wir ihn schon eingemacht. Den Groummet haben wir unter Dach bis auf einen Teil von Morgen. Hupperts ist dieser Tage an Lungenentzündung schnell gestorben und wird seine Frau zu Lichtmeß das Geschäft niederlegen. Du siehst, als Civilist stirbt man auch mal schnell. Unsere Jagd verspricht in diesem Jahre besser zu werden wie früher. 3/4 ???? ist Stammgast. Ich werde denselben wenn möglich für Deinen Urlaub aufsparen. Vielleicht kommt noch etwas dazu. Abts Jean war gestern Stunden auf Jagd. Zuvor hatte er einen Transport Kanadier und Amerikaner nach Köln gebracht. Ich bin mir sicher Hubert, die Sache kommt in Rußland doch bald zum klappen. Auf Gott befohlen lieber Hubert beten nicht vergessen und alles kann noch gut werden. Viele herzliche Grüße von uns allen.
Jos. Fischer
   
   
28. April 1918
 
 
Brief Joseph Fischer vom 28.4.1918, Teil 1
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Brief Joseph Fischer vom 28.4.1918, Teil 2
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Bergerhausen, den 28.4.1918

Lieber Hubert,

Dein Brief ist gestern glücklich hier gelandet. Desgleichen derjenige an Deine Eltern. Die Hauptsache, es ist noch alles in der Ordnung bei Dir und unsere Sache im Westen steht gut und macht immer Fortschritte, sich langsam dem Endziele nähernd. Die täglichen Abreibungen müssen dem Engländer doch auf die Nieren gehen. Ist der Langhals erst einmal auf dem Festland erledigt, so wir ein gutes Stück dem Ende näher, nur Geduld. Der Sxxix rückt mit großen Schritten näher. Der Kuckuck ist vor einer Woche eingetroffen, nachdem ich ihn schon 14 Tage im Walde gelockt hatte. Gestern ist auch die Nachtigall eingetroffen Steinschwalben - oder mit dem richtigerem Namen Hausschwalben - sind noch keine eingetroffen. Der Zaunkönig hat sich in dem Steinschwalbennest über der Tür des Futterraumes außen am Kuhstall sein Nest zurecht gemacht und wird sich wundern wie es dem armem Schelm geht wenn der Hauseigentümer wiederkommt. Fohlen haben wir zwei bekommen von Flora ein braunes Hengstfohlen jetzt 4 Wochen alt, schon schön rund nicht zu grob in den Beinen aber ganker und von Irma, der großen braunen Stute, ein Stutfohlenfuchs mit weißem Strich über die Stirn und Nase, groß gefallen, jetzt 3 Wochen alt, aber nicht so rund wie das andere weil die Stute weniger Milch. Diese beiden Stuten gehen zum Hengst nach Kerst(?) da der alte Fuchshengst hier überbürdert und der im Herbst vom Schüller neu gekaufte Hengst sich vor Monaten im Stalle ein Drüsenerkrankung zugezogen hat, die sich nicht bessern will. Lauter Pech. Mit der braunen Stute mit dem weißen Fuß wollen wir nächstens einen Versuch mit unserem Hengst machen als letztes Mittel. Die junge Fuchsstute Lea, die Du mit angelernt, geht jetzt ziemlich gut. Hat sich an die Ketten gewöhnt, ist nur noch etwas einkennig, putzen kann ich jetzt ohne Mühe.

Donnerstag hatten wir in der Umgebung Gewitter. Freitagmorgen fing es früh an zu regnen, meist Gewitterschauern. Gestern war es fast trocken, bald dunkel, bald heller. Heute ist es nebelig. Wind von Geilrath, also Nord-Nordost. Trockenes Wetter, mäßig warm wäre uns jetzt erwünscht. Wir müssen noch 1 Stück Rüben fahren am Schmiederweg. Möhren haben wir zum Teil schon gesäet. Wir pflanzen 6 Morgen Gemüse für die Stadt Cöln, halb Winter halb Sommergemüse. Die Kartoffel sind in der Erde, das Stück, worauf wir Lea angespannt haben. Bei dem günstigen Wetter steht die Winterfrucht gut, bis jetzt auch der Hafer, ist schon schön grün, desgleichen die Ritterbohnen. Der Wald wird schon dunkel, die Frühpflaumen haben schön geblüht, Birnen wenig. Die Apfelblüte scheint gut zu werden. Im Laufe der kommenden Woche werden wir die Kühe und Rinder auf die Weide bringen bei gutem Wetter. Bei dieser Arbeit werden wir Dich wieder sehr vermissen. Der kleine Graben an der Weide längs der Gussen ist fertig. Gestern haben wir Dornen aufgesetzt, damit der noch nicht angewachsene Rasen nicht heruntergetreten wird. Wir hatten am Walde einen Karren geholt. Pferde sind noch keine abgeholt worden, ob's dazu kommt, wer weiß es. Dohmens Schörsch ist Sergeant geworden. Derselbe kommt auch bald nach dem Westen. In diesem Jahre kommen Kinder aus Trier hierhin zur Erholung. Pitter Maus ist jetzt ein strenger Jagdhüter geworden, er geht mit der Knarre abends an den Wald um auf Rehböcke zu lauern und die Ströpper zu erwischen. Die Kanin an der Pumpe haben Junge. Die blaue Wiener Häsin leider nur eines, zwei sind eingegangen. Gestern haben wir den Fohlen die Füße bearbeitet. Es war schon eine schöne Zeit her, nicht wahr. Der Schmied Hein ist noch nicht wieder zurück vom Militär. Andreas Müller ist auch noch nicht zur Landwirtschaft zurück. Sonst noch alles beim Alten. Nun, lieber Hubert, Gott befohlen. Kopf oben und das Beten nicht vergessen und es wird gutgehen. Viele herzliche Grüße von uns allen. Dein Jos. Fischer.

   
   
30. Juni 1918
 
 
   
Brief Joseph Fischer vom 30.06.1918 Seite 1
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Brief Joseph Fischer vom 30.06.1918, Seite 2
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Bergerhausen den 30.6.1918


Deinen die Sachlage gut wiedergebenden Brief habe erhalten. Du hast die Feuerprobe nun glücklich überstanden. Ich glaube Dir's gerne, daß das Kriegsbild mit all seinen Schrecken und Aufregungen auf manches junge Soldatengemüt einen für's erste niederdrückenden Einfluß ausübt. Die alten Mannschaften sind über solche Eindrücke meist hinaus. Die Hauptsache bleibt ja immer bei jedem größeren Vorstoß das stete Vorwärtskommen ohne größeren Rückschlag. So wie es ja auch (bisheran) von Westen noch stets gemacht worden ist. Auf welchem Punkte jetzt zunächst ein Schlag gemacht wird, entzieht sich natürlich unserer Kenntnis, jedoch es wird schon gemacht werden. Bekommen die Franzosen in Paris erst einmal freundliche Grüße aus einer größeren Anzahl schwerer Geschütze, die ganz weittragenden nicht mitgerechnet, so muß die Erkenntnis sich doch durchringen, daß ein Durchbruch durch unsere Linien (nicht wohl heute xxx) möglich ist. Wenn der Franzmann noch vor Winter erledigt werden könnte, so dürften wir zufrieden sein. Die Ernte steht hier vor der Tür. Der Raps ist bereits mit der Sichel gemäht. Demnächst beginnt das mähen der Gerste. Beide Früchte versprechen einen guten Ertrag. Auch der Roggen und Weizen sind schön nebst dem Gründüngunger und Kleefeldhafer desgleichen die Bohnen. Knollen, Strauchbohnen und Mohren verlangen nach Wärme. Die Knollen müssen zur Zeit noch gehackt werden, zum zweiten Male. Trotz dem schönen Wetter sitzen wir bis über die Ohren in der Arbeit. Das Heu haben wir meist schon eingefahren. Das Grasheu von Mödrath wollen wir gleich auf den Waggon fahren für die Heeresverwaltung. Dein Bruder Carl der gerade auf Urlaub gekommen kann uns beim letzten Heueinfahren noch schön helfen. Vor acht Tagen war Wilhelm Dohmen hier, davor der Riese Flors Hein. In den Blatzheimer Wiesen

erlebten wir dieses Jahr dasselbe wie im vorigen Jahr. Das Heu war zu 3/4 fertig da läßt ein Junge die Schleuse herunter die seit vorigem Jahr noch kein neues Schloß erhalten hatte und das Heu wurde naß. Nun müßten wir daselbst aufladen und hier trocken machen, alles Arbeit, die absolut nicht nötig war. Der (Inkarnatklee) hat einen schönen Ertrag geliefert. Der Rotklee (Scheunentor Hofmar) ist auch besser wie im vorigen Jahr. Infolge des (heißen) Wetters sind die Kartoffeln auch noch zurück. Kirschen waren mäßig. Äpfel gibt es ziemlich, Birnen fast keine. Pflaumen auch nicht viel. Wir haben in diesem Jahre 5 Morgen Kappus und 1 Morgen Strauchbohnen gepflanzt. Im ganzen sind in Bergerhausen 100 Morgen Gemüse gepflanzt. Der Krauskohl muß noch gepflanzt werden. Die Rinder auf der Weide und die Fohlen haben sich bis heute gut erholt. In 8 Tagen wechseln dieselben wieder in den Bungert. Das Fohlen von Flora, ein schönes Hengstfohlen, haben wir leider um etwas zu retten schlachten müssen. Es litt an Darmverschlingung, die sich nicht bessern wollte. Zum Fahren haben wir ein kleines braunes Pferdchen wie Erna von Heller war angeschafft. Da die dunkelbraune Xxxxx Käthy zum Laufen nicht taugt. Die große Fuchsstute Frieda, die wir wieder an Xxau verkauft hatten weil dieselbe stets halblahm war, geht jetzt wieder ganz gut. Man sieht das Schieftreten in den Furchen und das Wenden im tiefen Boden taugt nicht für manches Tier. Pitter Maus hat mit Xxxx die vor einem Monat auf der Heide einen Rehbock erlegt. Der Pitter (geht) jeden Abend mit der Knarre zum Walde. Die jungen Ziegen nebst Junggeflügel haben sich bei dem schönen Wetter wie es vor 14 Tagen war, gut entwickelt. Die Kanin und der junge Fasan haben auch schon mehrere Male Junge gehabt. Die blaue Wiener Häsin hat noch kein neues Jungtier geworfen. Demnächst soll dieselbe von einem blauen Rammler gedeckt werden. Den Schxxxxhahn haben wir verkauft, haben jetzt nur noch den weißen Hahn. Du bist nun wieder einmal etwas über alles auf dem Laufenden. Vergiß das beten nicht und es wird mit Gott gut gehen. Viele herzl. Grüße von uns allen. Dein Jos. Fischer
Von der Bungertjagd kann bis heute noch nichts sagen.

   
   
25. August 1918


Feld-Postkarte eines Mitglieds der Familie Jülich vom 25.8.1918 an seine Brüder. 
(Stadtarchiv Kerpen)

Erneut wird Burg Bergerhausen zum Soldatenquartier. Zuerst machen zurückgehende deutsche Soldaten dort Station, anschließend ziehen britische Truppen als Besatzung ein.27

Alfons Commer schreibt: „Tag und Nacht, 8 Tage lang, rissen die Truppenzüge auf der Chaussee nicht ab und trotzdem ging der Verkehr ordnungsmäßig weiter, ein Zeichen für die wunderbare Disziplin des deutschen Heeres, welches vier lange Jahre einer Welt von Feinden trotzte. Jeder unserer Mitbürger gab das was er hatte, um den Soldaten ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

Hoch rechnen wir es den britischen Truppen, als sie nach Friedensschluss unseren Ort besetzt hielten, an, dass sie uns während der 18 Monate dauernden Besatzungszeit human behandelten. Die hier einquartierten britischen Truppen bestanden in der Reihenfolge aus Neuseeländern, Nordhumberlandfüsilieren, dem schottischen Regimente Argeyl and Suderland, Kings Husars und Royal Horse Artilery. An der Obermühle (Blatzheim) lagen Inder in Zelten, schöne, schlank gewachsene Menschen in majestätischer Haltung zu Pferde, mit ebenmäßigen, braunen Gesichtern unter kunstgerecht geschlungenen Turbanen.“28

Nach dem Krieg zählte man in der Gemeinde Blatzheim 55 Gefallene und 5 Vermisste.29

     
     

 

        

 

1Clemen, Paul, Die Kunstdenkmäler des Kreises Bergheim, 1899, Nachdruck in Kerpener Heimatblätter 1-2/1977, S. 93-96

2vgl. Krings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Höfe und Güter in Kerpen, Kerpen 1990, S. 75

3Pachtvertrag von 1900 (im Besitz von Hans Jakob Beyenburg, Kerpen) nach Krings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Höfe und Güter in Kerpen, Kerpen 1990, S. 78

4Onnau, Hans Elmar, Festschrift der Bürger-Schützenbruderschaft St. Kunibert 1849 Blatzheim e.V., 1974, S. 41

5Zeitungsbericht über die Goldhochzeit der Eheleute Heinrich Oepen und Gertrud, geb. Weierstraß, Kölnische Rundschau vom 23.2.1956

6Otto Graf Beissel, Der Kreis Bergheim, seine Verwaltung und wirtschaftliche Entwicklung 1899-1909

7Weingarten, Helmut, Die Eisenbahn zwischen Rhein und Erft, Rheinlandverlag Köln 1987, S. 106

8Commer, Alfons, Efeuranken – Beiträge zur Geschichte Blatzheims im Festbuch zum 50-jährigen Jubel-Feste des Männergesangvereins „Eintracht“ Blatzheim, 1925

9Commer, Alfons, Efeuranken – Beiträge zur Geschichte Blatzheims im Festbuch zum 50-jährigen Jubel-Feste des Männergesangvereins „Eintracht“ Blatzheim, 1925

10Otto Graf Beissel: Der Kreis Bergheim, seine Verwaltung und seine wirtschaftliche Entwicklung während des Zeitraumes vom Jahre 1889/99 bis 1909, Bergheim 1909, S. 194 ff. in Krings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Höfe und Güter in Kerpen, Kerpen 1990, S. 17-18

11Krings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Höfe und Güter in Kerpen, Kerpen 1990, S. 70

12Wesenberg, Rudolf/Verbeek, Albert/Ohm, Anneliese, Die Denkmäler des Rheinlandes, Kreis Bergheim 1

13Commer, Alfons, Efeuranken – Beiträge zur Geschichte Blatzheims im Festbuch zum 50-jährigen Jubel-Feste des Männergesangvereins „Eintracht“ Blatzheim, 1925

14Onnau, Hans-Elmar, Die alten Blatzheimer Grabsteine, Kerpener Heimatblätter 3/1969, S. 461

15Stadtarchiv Kerpen, Amt Kerpen, Nr. 2357 nach Josef Krings, Susanne Harke-Schmidt in Mühlen an Neffel und Erft, 1997, Seite 137

16Josef Krings, Susanne Harke-Schmidt in Mühlen an Neffel und Erft, 1997, Seite 32

17Krings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Kerpener Wasserburgen, Kerpen 1989, S. 24

18Die Datierung sowie die Bezeichnung der abgebildeten Personen erfolgte am 8.8.2000 durch Käthe Senior, geb. Willschrey,

19Weingarten, Helmut, Die Eisenbahn zwischen Rhein und Erft, 1987, S. 39 und 106

20Onnau, Hans Elmar, Die wehrhaften Adelssitze Scheiffartsburg und Krümmelsburg in Bergerhausen im kurkölnischen Gericht Blatzheim, Kerpener Heimatblätter 3/1998, S. 275

21Wesenberg, Rudolf/Verbeek, Albert/Ohm, Anneliese, Die Denkmäler des Rheinlandes, Kreis Bergheim 1

22Geisler, Wolff, Dä Pastuur bliev he, WDR 3, 23.3.1985

23Ripp, Bernhard, August Kugelmeier, Pfarrer in Blatzheim, in Kerpener Köpfe, Kerpen, 1988 und Geisler, Wolff, Dä Pastuur bliev he, WDR 3, 23.3.1985

24Clemens Freiherr von Loë, Chronik der Burg Bergerhausen, Festschrift 5 Jahre Burg Bergerhausen, Psychotherapeutisches Institut Berg Bergerhausen e.V. 1982

25Commer, Alfons, Efeuranken – Beiträge zur Geschichte Blatzheims im Festbuch zum 50-jährigen Jubel-Feste des Männergesangvereins „Eintracht“ Blatzheim, 1925

26Krings, Josef/Harke-Schmidt, Susanne, Höfe und Güter in Kerpen, Kerpen 1990, S. 78

27Clemens Freiherr von Loë, Chronik der Burg Bergerhausen, Festschrift 5 Jahre Burg Bergerhausen, Psychotherapeutisches Institut Berg Bergerhausen e.V. 1982

27a Mitteilung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, Az.: 442 537/Ö 2/II(14/18)-Ru, Kassel, 14.7.1975

28Commer, Alfons, Efeuranken – Beiträge zur Geschichte Blatzheims im Festbuch zum 50-jährigen Jubel-Feste des Männergesangvereins „Eintracht“ Blatzheim, 1925

29Senior, Johann, anlässlich der Einweihung des erweiterten und instandgesetzten Ehrenmals auf dem Friedhof am 12.10.1952 in der Kölnischen Rundschau vom 14.10.1952