H. A. Goerke: Chronik der Familie Goerke, Teil 2

 

Westpreußen etwa im Jahr 1645

In Paris wird 1559 die erste Nationalsynode der reformierten Christen des Reformators Calvin abgehalten, der in Frankreich acht Hugenottenkriege folgen. Mit der Gegenreformation beginnt am 23. August 1572 in der „Bartholomäusnacht“ das Abschlachten der Hugenotten durch Vertreter der römischen Kirche. Dem wird durch das Toleranzedikt von Nantes 1598 Einhalt geboten, König Ludwig XIV hebt es aber 1685 wieder auf. Bei Nacht und Nebel müssen etwa 250.000 Hugenotten Frankreich verlassen, davon fliehen 44.000 in deutsche Länder.

Durch das Einladungsedikt des Großen Kurfürsten von 1685 werden 22.000 Hugenotten nach Preußen geholt, die sich überwiegend in Königsberg ansiedeln. Sie bereichern Preußen durch handwerkliche Fähigkeiten wie Verarbeitung von Seide, Brokat und Damast, während sich in Frankreich die Kirche an den verlassenen Besitzungen bereichert.
 

 

Im Jahre 1709 kommt der extrem harte Winter zusammen mit der Pest, wobei 1/3 der Bevölkerung und sehr viele Haustiere sterben. Im Jahre 1713 wird Friedrich Wilhelm I Regent und hebt 1719 die Leibeigenschaft auf. Trotz eines Aufwandes von sechs Millionen Talern geling es ihm aber nicht das wüste Land wieder zu bevölkern und erneut allgemeinen Wohlstand herzustellen. Im Frieden von Stockholm erhält Preußen 1719 Vorpommern bis zur Peene, Stettin, die Inseln Usedom und Wollin, das Haff und die Städte Damm und Gollnow sowie die Odermündungen Dievenow und Swine. Dafür werden 2 Millionen Taler gezahlt und 600,000 Taler pommersche Schulden übernommen
1724 findet in Thorn nach Zusammenstößen zwischen Protestanten und den Jesuiten das Blutgericht statt, Der Stadtpräsident von Thorn und neun Bürger werden öffentlich enthauptet. Das regierende polnische Adelssystem ist vorrangig auf Profit bedacht ohne Rücksicht auf das Land und seine Bauern. Die Verwaltung setzt die Adelsprivilegien mit harten Strafen durch, die Entwicklung der Städte und des Handwerks kommt dabei nahezu zum Erliegen, wie man am Zustand von Kulm 1772 deutlich sehen kann.

Da wird 1731/32 schicksalhaft und entgegen den Bestimmungen des westfälischen Friedens von 1648 im Erzbistum Salzburg die evangelische Bevölkerung gezwungen das nunmehr katholische Land binnen 8 Tagen zu verlassen. Mit dem Einladungspatent von 1732 holt Friedrich Wilhelm I etwa 40,000 Familien ins Land und setzt große Mittel ein, um den Siedlern eine neue Existenz zu ermöglichen. Viele der Flüchtlinge werden über die Oder nach Stettin und dann über die Ostsee nach Danzig gebracht. Der „Alte Fritz“ greift zeitweilig selber in das Siedlungsprogramm ein, wenn ihm die eigene Bürokratie zu schwerfällig arbeitet. Die mit uns mehrfach durch Heirat verbundene Schneider Familie ist damals nach Marienwerder eingewandert
Die 1701 mit der Königskrönung beginnende und fast 200 Jahre dauernde Ausdehnung Preußens zur europäischen Großmacht wird 1806 kurz durch Napoleon unterbrochen. Die Ereignisse dieser Machtausdehnung sind verwirrend und ein Spiegel der politischen Verhältnisse, die Einwohnzahl von West- und Ostpreußen steigt in dieser Zeit fast auf das Vierfache. Preußen hat ab 1717 ein stehendes Heer von zeitweilig 85.000 Mann, was wesentlich zur andauernden Verwicklung in die vielen europäischen Kriege beiträgt. 1733 erfolgt in Preußen die Einführung des Kantonsystems mit der Einteilung von Wehrbezirken. Während der 3 schlesischen Kriege von 1740 bis 1763 mit dem 7-jährigen Krieg ab 1756 wird Preußen 1757 nach der verlorenen Schlacht von Gross-Jägersdorf durch russische Truppen besetzt, die unter Soltikow plündernd bis Berlin vordringen.

In dieser Zeit werden etwa 10% der Bevölkerung zu Opfern, 66% der preußischen Armee verliert das Leben und das Königreich Preußen ist faktisch bankrott wie der Ritterorden nur 300 Jahre vorher. Dies hat fatale Auswirkungen auf die Bevölkerung auch weitab von Berlin, die Anzahl der frühen Todesfälle in unser Familie ist ungewöhnlich hoch. Es sind außerdem 200 Jahre einer kleinen Eiszeit. Anhaltende Kalte, schneereiche Winter, Eisgang auf der Weichsel und viele Unwetter bringen schlechte Ernten, Not und Elend.

Preußen ist 1758 auf englische Subsidien von 5,3 Millionen Talern angewiesen. Es gelingt bis 1775 die hohen Verluste durch neue Einwanderer auszugleichen, wofür an die 25 Millionen Taler (je 15 gr. Silber) aufwendet werden. Preußen wird zu einem armen und für den gemeinen Bürger gerechten Staat. Zwar gibt es auch weiterhin den privilegierten Adel, aber selbst die untersten Stände können sich auf die gleichen Gesetze berufen.

Es folgt ab 1764 nach Verhandlung zwischen Berlin, Wien und Petersburg die „Annexion“ von Danzig, Elbing, Thorn und Kulm durch Friedrich II mit dem ersten Teilungsvertrag von 1772, wobei Galizien (heute Ukraine) an Österreich fällt. Der polnische Reichstag ratifizierte die unfreiwillige Abtretung im September 1773 und verleiht ihr die völkerrechtliche Anerkennung. Mit der zweiten Teilung Polens von 1793 fällt Danzig, Thorn und Großpolen an Preußen. 1794 erobert Preußen Krakau, belagert Warschau erfolglos und führt Krieg gegen Frankreich mit gewonnenen Schlachten in Pirmasens und dreimal in Kaiserslautern. Mit der dritten Teilung Polens von 1795 fällt Masowien mit Warszawa an Preußen, Südpolen wird aufgelöst und fällt an Österreich. Preußen wird mit den drei Teilungen Polens zu einem Staat mit 7.5 Millionen Deutschen und 3.5 Millionen Polen. Treibende Kraft hinter den Teilungen und der Einverleibung Polens ist Russland mit einer deutschen Prinzessin als Zarin, das dabei den weitaus größten Teil Polens annektiert.

Für die Städte wie Danzig und Elbing beginnt damit ein schleichender wirtschaftlicher Niedergang von der reichen Handelsmetropole und ehemaligen Hansestadt zur tristen preußischen Garnison. Im freien Elbing gibt es bereits 1535 eine vom Holländer Wilhelm Gnaphäus im ehemaligen Brigittenkloster gegründete Schule. Bis zur Einführung der Schulpflicht in Preußen dauert es noch weitere 182 Jahre bis 1717, und das dann auch nur für den Winter. Für Kaufleute und Händler ist Lesen und Schreiben elementar wichtig, für die Soldaten der königlich preußischen Armee eher hinderlich. Die müssen nur gehorchen, marschieren und schießen können, auf gar keinen Fall sollten sie selbstständig denken.

Nach rund 250 Jahren polnischer Herrschaft gibt es 1772 in Kulm noch 257 Feuerstellen mit 1644 Einwohnern, von den 40 Häusern am Markt sind 28 baufällig. Dieser Zustand einer ehemals reichen Hansestadt erinnert stark an Königsberg im Jahr 2000 nach 55 Jahren Kommunismus. König Friedrich II beauftragt 1772/73 den Finanzrat Rembert Roden das Land zu katastrieren und die Bevölkerung zu schätzen als Basis einer Steuerfestlegung. Bei seinen insgesamt elf Inspektionsreisen nach Westpreußen bis 1776 wohnt der „Alte Fritz“ zuerst im Gouvernementhaus in Marienwerder und danach in einem bescheidenen Haus auf dem Schulzengut im Dorf Mokrau.

In den noch heute einsehbaren Regesten des Ritterordens gibt es bis 1460 noch keinen Hinweis auf den Familiennamen Goerke. Der sogenannte Kontributionskataster des Finanzrat Rembert Roden wird später in Marburger Archiven gefunden, ein Auszug zeigt unseren Familiennamen in Westpreußen von 1772 in den verschiedenen Schreibweisen.
 

Name Ort Kreis

Gehrke, Anton Gross Weyde Mewe
Gehrke, Daniel Kl. Falckenau Mewe
Gehrke, George Kl. Falckenau Mewe
Gehrke, Gerge Dragas Graudenz
Gehrke, Joh. Zippnow Crone Dt.Krone
Gehrke, Johann Behrendshagen Amt Elbingsche Hohe
Gehrke, Johann Kl. Falckenau Mewe
Gehrke, Johann Mosgau Krotoschin
Gehrke, Martin Alt - Meseland Mewe
Gehrke, Peter Kleinfeldt Mewe
Gehrke, Peter Sellnow Rheden Kreis Graudenz
Gehrke, Stephan Rumunki Amt Gollub
Gerke, Mathias Grabowo Schlochau
Gerke, Mathias Prechlow (Prechlau) Hammerstein Schlochau
Gerke, Mich. Lemnitz Neuhoff
Gerke, Michael Lonky Schlachetzki Baldenburg Schlochau
Goercke, Adam Sumowo Strassburg
Goercke, Andres Bukowitz Strassburg
Goercke, Andres Gr. Szwiente Schwetz
Goercke, Christian Schwedziebno Strassburg
Goercke, Daniel Wernerhoffen Hammerstein Schlochau
Goercke, Ephraim Eggerts Huett Karthaus Kreis Karthaus
Goercke, Erdtmann Bukowitz Strassburg Goercke, George Bukowitz Strassburg Goercke, Gottl. Hansfelde Hammerstein Schlochau
Goercke, Gottl. Zipplau Amt Danzig
Goercke, Gottlieb Praust Amt. Danz. Hohe
Goercke, Hans Strippow Amt Schoenek Berent
Goercke, Jacob Gross Lubin Graudenz Kreis Graudenz
Goercke, Johann Eschenrig Hammerstein
Goercke, Mart. Stuhmsdorf Stuhm
Goercke, Martin Bukowitz Strassburg
Goercke, Martin Gr. Przechowa Schwetz
Goercke, Martin Miggendahl Amt. Danz. Hohe
Goercke, Mich. Kasemark Amt Danz. Territ.
Goercke, Michel Bukowitz Strassburg
Goercke, Michel Hutt Tolkemit
Goercke, Paul Hausfelde Hammerstein
Goercke, Peter Jungen Schwetz
Goerke, Adrian Gross Ksionsken Strassburg
Goerke, Andreas Stutthoff Amt. Danzig
Goerke, Ephr. Unbuilt Area Amt Danz. Territ.
Goerke, Georg Chovno Strassburg
Goerke, George Cheyne Strassburg
Goerke, George/Joseph Cheyne Strassburg
Goerke, Gottfried Jaworse Strassburg
Goerke, Hans Tiegenorter Wiesen Amt Danzig
Goerke, Joh. Gottswalde Amt Danzig
Goerke, Joh. Gottl. Schoenbaum Amt Danzig
Goerke, Jos. Osterwick Amt Danzig
Goerke, Joseph Chovno Strassburg
Goerke, Martin Przechowo/Schoenau Schwetz
Goerke, Mert. Stutthoff Amt. Danzig
Goerke, Michael Haselau Tolkemit
Goerke, Peter Gross-Ksionsken Strassburg
 

Nach dem „Preußischen Allgemeinen Landrecht“ vom Juni 1794 sind die Pfarrer verpflichtet Zweitschriften der Kirchenbücher zu führen und diese jährlich beim zuständigen Gericht abzuliefern. Die Gerichte sind außerdem für die Beurkundung von Personenstandsfällen im sogenannten Dissidentenregister zuständig, also für jene Personen die weder der evangelischen oder der katholischen Kirche angehören. Die frühen Mahllisten mit den Empfängern von Mühlengut, deren Aufbau dem späteren Kontributionsregister entspricht, werden mit der Reform von Stein und Hardenberg nicht mehr geführt. Eine weitere mögliche Quelle von Daten sind die Hypothekenakten, sofern man sie noch findet.

Durch eine notwendige Verwaltungsreform nach der dritten Teilung Polens kommen 1802 die Regierungsbezirke Marienwerder, Marienburg, Michelau, Dirschau, Stargard und Konitz zum Königreich Preußen. Von 1824 bis 1878 wird der Bezirk Marienwerder um die Kreise Briesen, Deutsch-Krone, Flatow, Graudenz, Konitz, Kulm, Löbau, Rosenberg, Schlochau, Schwetz, Strasburg, Stuhm, Thorn und Tuchel erweitert.

1806 stellt Friedrich Wilhelm II Kaiser Napoleon ultimative die Forderung zum Abzug der französischen Truppen und erklärt Frankreich den Krieg. In den Schlachten von Schleiz, Saalfeld, Jena, Auerstädt, Erfurt, Halle, Lübeck, Ratekau, Küstrin, Magdeburg und Preußisch Eylau fallen mindesten 25,000 preußische Soldaten, etwa ebenso viele gehen in Gefangenschaft oder kapitulieren. Dazu kommen etwa 20,000 Tote und Verwundete bei den verbündeten russischen Truppen, bei den Franzosen sind es etwa 30,000 Soldaten.

Die französischen Heere ziehen durch Preußen nach Osten. Die Plünderungen sind extrem, teilweise bleiben den Menschen nicht einmal mehr Schuhe und Kleider. Im Jahre 1807 wird Königsberg durch französische Truppen besetzt und ein Waffenstillstand zwischen Frankreich, Russland und Preußen geschlossen. Im Frieden von Tilsit verliert Preußen alle Gebiete westlich der Elbe an Westfalen und die polnischen Gebiete bis auf Westpreußen an das Herzogtum Warszawa. Preußen muss 154,5 Millionen Francs Kriegskontributionen zahlen, seine Truppen auf 42,000 Mann begrenzen und der Kontinentalsperre beitreten. Russland erhält Teile Ostpreußens und erkennt die Brüder Napoleons als Könige an. Danzig wird freie Stadt und durch ein französisches Kontingent besetzt. Napoleon residiert zeitweilig in Marienburg und inspiziert in den umliegenden Standorten die Vorbereitungen seiner „Grand Armée“ für den Feldzug gegen Russland.

In der Zeit von 1808 bis 1812 erfolgen wichtige preußische Verwaltungsreformen. Die Städte erhalten mit der Städteverordnung ihre Selbstverwaltung, die Gewerbefreiheit wird eingeführt, alle Klöster und geistlichen Stifte werden eingezogen, Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Bauern, Edikt über die Regelung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse zur Ablösung der Fron- und Handdienste und Juden werden in Preußen den Christen in staatlichen Rechten und Pflichten fast gleichgestellt.
Nach der fatalen Vernichtung der "Grande Armée" im russischen Winter 1812/13 mit dem Verlust von etwa 500,000 Mann schleppen sich die einst stolzen Soldaten zerlumpt, halb verhungert und von Erfrierungen gezeichnet in Regimentern durch Preußen in Richtung Frankreich. In Tilsit sterben in drei Woche über 30,000 Soldaten der "Grande Armée" an Hunger, Kälte und Krankheit, die Massengräber werden erst 2003 entdeckt. In der Freistadt Danzig wehrt die eingeschlossene französische Garnison die Angriffe der verbündeten Preußen und Russen noch bis Januar 1814 erfolgreich ab. In Groß-Görschen/Lützen, Kulm, Hagelberg, Bautzen und Leipzig kommt es zu weiteren Schlachten, in denen die Franzosen etwa 85,000 Tote und 40,000 Gefangene verlieren .

Im Frieden von Kiel 1814 tritt Dänemark das Land Norwegen an Schweden ab und wird dafür mit Schwedisch Pommern entschädigt.. Preußen tauscht Schwedisch Pommern gegen Lauenburg ein. Mit der Verwaltungsreform von 1814 wird Preußen in 10 Provinzen mit Regierungsbezirken und Kreisen eingeteilt. Im Jahre 1815 kehren Danzig und Thorn, die Kreise Kulm und Michelau wieder in den Verband des preußischen Staates zurück. Im Wiener Kongress 1815 tritt Preußen Ansbach und Bayreuth an Bayern ab, verliert die polnischen Gebiete der 3.Teilung an Russland, tritt Ostfriesland, Hildesheim und Goslar an Hannover ab, erhält die Hälfte Sachsens, Neuvorpommern und die Rheinprovinz und tritt 1816 das Großherzogtums Fulda an das Kurfürstentum Hessen ab

Friedrich Wilhelm II verbietet 1816 alle politischen Vereine und Gesellschaften, gründet 1817 den preußischen Staatsrat unter dessen erstem Präsidenten Hardenberg, schafft mit der Steuerreform von 1818 alle Binnenzölle ab und beginnt gleichzeitig die Unterdrückung politischer Opposition wie etwa die Entlassung von Lehrern mit demagogischen Ideen als unwürdige Subjekte. Dies führt zu den Aufständen von 1848 mit Auflösung der Nationalversammlung und einer neuen Verfassung mit dem Wahlgesetz für 2 Kammern. 1850 verkündet Friedrich Wilhelm IV die neue Verfassung und legt darauf den Eid ab. Dazu kommt 1851 erneut die gutsherrliche Polizeiverwaltung in Preußen

Diese Situation besteht etwa bis zur Einführung amtlicher Standesamtsregister im Jahr 1874. Sie wird nur in den Jahren 1808 -1814 für den "Freistaat Danzig" und die zum Herzogtum Warschau geschlagenen westpreußischen Landesteile durch den französischen "Code Civil“ unter der Herrschaft Napoleons unterbrochen. Besonders in der Zeit nach 1824 ändert sich die Schreibweise von Namen und Ortschaften durch die Einführung der hochdeutschen Sprache in ganz Preußen.

Die Bismarck Bürokratie fördert 1886 per Gesetz die deutsche Ansiedlung in den Provinzen „Posen und Westpreußen“, um polnischen Erwerbsgenossenschaften entgegenzuwirken. Dafür werden bis 1916 rund 100 Millionen Mark bewilligt, es werden 292 Güter angekauft, davon 58 aus polnischem Besitz. Gleichzeitig werden etwa 7,200 neue Familien angesiedelt. Im Gegenzug verstärken die Polen das Engagement in Preußen mit Volksbanken und Parzellierungsinstituten, was letztendlich die Bodenpreise sprunghaft in die Höhe treibt und durch die zunehmende Polarisierung die Idee eines Nationalstaates populär macht. Hohe Würdenträger wie etwa Oberpräsident Schön leisten dieser Entwicklung gezielt Vorschub zur Förderung der eigenen Karriere.

Bis zum Versailler Vertrag besteht der Regierungsbezirk Marienwerder aus 12 Kreisen. Am 11 Juli 1920 wird in Westpreußen eine Volksabstimmung durchgeführt. Obwohl 92% für den Verbleib bei Ostpreußen stimmen, wird westlich der Weichsel bis zur Ostsee der polnische Korridor abgetrennt, Deutschland geteilt und Danzig freie Stadt. Nach 1921 hat der Regierungsbezirk Marienwerder etwa 2925 km² mit 300,000 Einwohnern und umfasst noch die 5 Landkreise Elbing-Land, Marienburg, Marienwerder, Rosenberg, Stuhm und den Stadtkreis Elbing. Insgesamt gibt es 313 Gemeinden, deren Bevölkerung zu 73% evangelisch und 23% katholisch ist. Um 1772 war das Verhältnis noch etwa 50% zu 50%.

Die Bevölkerung in Westpreußen ist mit 107 Einwohner/km² erstaunlich hoch, die Größe bäuerlicher Betriebe mit 49% aller Beschäftigten noch in den 30er Jahren entspricht heutiger Nebenerwerbslandwirtschaft. Die Geschichten von preußischen Latifundien sind überwiegend Wunschträume der Erzähler denn Realität. Ostpreußen ist zwar deutlich größer, aber mit 67 Einwohner/km² relativ dünn besiedelt. Neben Königsberg gibt es nur 2 große Kreisstädte. Die vielen Dörfer mit meist unter 100 Einwohnern haben bis in die 30er Jahre keinen Strom, fließendes Wasser und Telefon, Zustände ähnlich wie vor 200 Jahren. Lediglich im Küstenbereicht lässt der Seehandel einige kleine Metropolen entstehen.

Mit dem zweiten Weltkrieg ab dem 3. September 1939 und der Eingliederung der freien Stadt Danzig ins Dritte Deutsche Reich wird der Reichsgau Danzig gebildet, der Regierungsbezirk Marienwerder wird durch zwei Kreise des Regierungsbezirks Bromberg neu abgegrenzt. Im Juli 1944 erreicht die rote Armee die Ostgrenze von Ostpreußen, von der NSDAP bzw. den regierenden Nazis wird das Verlassen der Heimat mit Hinweis auf die kommenden Wunderwaffen bei Todesstrafe verboten.

Oft nur wenige Stunden vor dem Eintreffen der roten Armee und lange nachdem sich die „tapferen“ Nazibonzen mit ihren geraubten Wertsachen aus dem Staub gemacht haben, beginnt für die Zivilbevölkerung die unorganisierte Flucht zu Fuß oder auf Pferdewagen und wird oft von den schnell vordringenden Sowjets überrannt. Tagsüber sind Angriffe durch Jagdflugzeuge üblich, Ziel sind immer die wenigen verbliebenen Lkws. Wegen des Treibstoffmangels wurden diese schon zu Kriegsbeginn auf Holzvergasung umgerüstet.

Im Spätsommer erreicht die Spitze eines schier endlosen Flüchtlingsstroms nach 1000 km die Oder, ab Oktober 44 sind alle Schulen und freier Wohnraum als Notunterkünfte genutzt. Die Zimmer meiner erwachsenen Geschwister sind über 4 Monate Quartier für Flüchtlinge. Uns erzählt die NS-Ortsleitung noch im Januar 1945 die Evakuierung sei nur für wenige Wochen, viel Gepäck brauchen man deswegen nicht mitzunehmen. Allerdings machen die grauenvollen Erzählungen der Flüchtlinge diese Propaganda unglaubwürdig.

Etwa 2,5 Millionen Flüchtlinge erreichen über die Ostsee den Nordwesten Deutschlands, ohne das dafür organisatorische Vorbereitungen seitens der NSDAP getroffen werden. Die Zahl der Kriegsopfer in der Zivilbevölkerung wird auf 614,000 oder 5% geschätzt. Die Versenkung der „Wilhelm Gustloff“ am 30.1.1945 durch ein russisches Unterseeboot mit über 6,000 ertrunkenen Frauen und Kindern und die Bombardierung Swinemündes mit 15,000 toten Flüchtlingen sind nur einige tragische Höhepunkte. Ein weiteres Drama ist im harten Winter 44/45 die Flucht über die zugefrorenen Haffs mit Pferdewagen, viele Fahrzeuge brechen ein oder Menschen und Tiere erfrieren nachts auf dem endlosen Eis.

In der Potsdamer Konferenz der Siegermächte des II Weltkriegs vom Juli 1945 wird die Demarkationslinie zwischen Russland und Polen durch die ostpreußischen Kreise Heiligenbeil, Preussisch-Eylau, Bartenstein, Gerdauen, Angerapp und Goldap gezogen. Als Westgrenze Polens zur sowjetischen Zone im besetzten Deutschland wird die Oder-Neiße Grenze gewählt. Die nach dem Mai 1945 noch im Osten verbliebene deutsche Bevölkerung wird bis 1948 zwangsweise ausgesiedelt. Dafür werden besonders jene Polen angesiedelt, die von den Russen in gleicher Weise aus den von ihnen wiederum annektierten polnischen Ostgebieten gewaltsam entfernt werden.
Nach dem friedlichen Zusammenbruch der DDR und der kommunistischen Herrschaft über ganz Osteuropa wird am 14.11.1990 der Grenzvertrag mit Polen geschlossen, indem die souveräne Bundesrepublik Deutschland die verlorenen Ostgebiete endgültig an den Polen abtritt. Auch nach 60 Jahren gibt es noch viele „Großdeutsche Landsmannschaften“, in denen junge Leute lautstark Ansprüche auf Gebiete erheben, die sie noch nie im Leben gesehen haben und die sie bei genauer Kenntnis sofort in Richtung Westen verlassen würden. Für politische Hinterbänkler und die vielen Minister ohne Format und Verstand bieten solche Vereine immer ein dankbares Podium zur eitlen Selbstdarstellung.

Der Verfasser hofft, dass mit Beitritt Polens und den baltischen Staaten zur EU die dümmliche und sinnlose Rechthaberei aufhört, wem welches Land auf Grund welcher geschichtlicher Fakten gehört und langsam in eine friedliche Koexistenz mit Zukunft übergeht. Die Situation des von den Russland annektierten Ostpreußen um Königsberg dürfte dagegen ein politischer Zankapfel werden, zumal sich das Gebiet politisch isoliert und wirtschaftlich vollkommen desolat zunehmend nach Westen orientiert.

Länder wie Belgien und die Schweiz mit mehreren Kulturen zeigen, dass sprachliche und kulturelle Unterschiede der Bevölkerung im vereinten Europa noch Jahrhunderte bestehen werden und dass man trotzdem in friedlicher Koexistenz leben kann. Dagegen sieht man im Nahen Osten am Konflikt zwischen Israels und Palästina, in Nordirland und im Kaschmir, wohin religiös bigotte Rechthaberei und Dogmatismus letztendlich führen.