H. A. Goerke: Chronik der Familie Goerke, Teil 2
Geschichtlicher HintergrundAls Brus werden die Preussen von einem bajuwarischen Geographen im 9. Jahrhundert erwähnt; spätere Reisende wie Wulfstan von Haitabu (Schleswig) und Ibrahim Ibn Jakub berichten ebenfalls über sie. Die Identifizierung in frühen Quellen, etwa die Aesti in Tacitus Germania oder in Jordanes De Origine Actibusque Getarum ("Vom Ursprung und den Taten der Gothe"), bleiben spekulativ. In der Geschichtsschreibung tauchen die Prussen auf, als der böhmische Bischof Adalbert 997 versuchte, sie zu christianisieren. In der Folgezeit versuchte Polen mehrmals, das Siedlungsgebiet der Prussen zu erobern, um damit einen Zugang zur Ostsee zu gewinnen. Diese unter dem Vorwand der Missionierung durchgeführten Kriegszüge scheiterten jedoch am Widerstand der Prussen. Polen ist etwa ab dem Jahr 1000 ein ausgedehntes Reich, zu dem im Westen Pommerellen, Teile von Mecklenburg und im Osten Gebiete der Ukraine bis nach Smolensk und Kiew gehören. Von Danzig aus sind das über 1.000 km Entfernung, damals bei einer Reisedauer von über 3 Wochen für eine effektive Verwaltung eine nicht kontrollierbare Ausdehnung. Zu der Zeit leben in ganz Westeuropa nur 5 bis 10 Millionen Menschen, der überwiegende Teil davon in den warmen Mittelmeerländern. Die größten Städte und Metropolen in Europa sind Rom mit etwa 50.000 Einwohnern, Köln mit etwa 15.000 Einwohner und Soest mit etwa 12.000 Einwohnern Die gesamte Bevölkerung der von Polen kontrollierten Länder beträgt nur einige 100.000 Menschen mit vielen Kulturen, Zugehörigkeiten zu diversen Stämmen und Sprachgruppen. Nach dem Tod von König Boleslaw II im Jahre 1138 zerfällt Polen in viele Fürstentümer und verliert mit dem Ende der Jagiellonen 1577 seine Stellung als eine europäische Macht von Bedeutung, das Interesse Westeuropas geht in Richtung neue Welten. Die polnische Hoheit über die westlichen Landesteile endet bereits 1181, als Herzog Bogislaw von Stettin dem Kaiser Friedrich I (genannt Barbarossa) im Feldlager vor Lübeck den Lehnseid schwören muss. Pommerellen, von den westslawischen Pomoranen besiedelt, kommt 1102 unter polnische Herrschaft und wird christianisiert. Die ersten Mönche aus Prag enden dabei als Märtyrer. Mit Danzig als Zentrum bildet Pommerellen nach 1181 ein eigenes Herzogtum unter der Herrschaft der Samboriden, welches durch Ansiedlung deutscher Kaufleute bevölkert wird. Die Klöster Oliva (1178), Zuckau (1209), Zarnowitz (etwa 1260) und Pelplin (1276) werden von Herzog Sambor gestiftet und deutsche Mönche, Nonnen und Siedler ins Land geholt. Das Land des Weichseldeltas ist untrennbar mit dem 1190 gegründeten Deutschen Ritterorden (Ordo Teutonicus, Ordo domus Sanctae Mariae Theutonicorum Ierosolimitanorum) verbunden. Das Ordenszeichen ist ein schwarzes Kreuz auf weißem Grund. Zur typischen Ordenskleidung gehört für die Geistlichen, welche Soutane, Halskreuz und Brustkreuz tragen, ein weißer Mantel, auf dem linksseitlich ein schwarzes Kreuz angebracht ist. Das Motto des Ordens lautet „Helfen, Heilen, Wehren“. Herzog Konrad von Masowien (Masuren) ruft im Jahre 1225 den Ritterorden zu Hilfe um die Nordgrenzen seines Landes zu sichern. Gegen erbitterten Widerstand beginnt der Ritterorden von Thorn aus das Land der heidnischen Prussen und Kuren aus dem Baltikum zu erobern. Die Eroberung eines fernen und unbekannten Landes für alle Zeiten wird dem Ritterorden vom Papst und Kaiser Friedrich II im März 1226 in Rimini zu eigener Herrschaft zugesprochen und basiert auf einer gefälschten Urkunde über die Landrechte. Um die Eroberungen zu sichern erbaut der Ritterorden viele
Burgen und Konventhäuser. Das 1065 erstmals erwähnte Kulm erhält 1233
zusammen mit Thorn das damals übliche lübbische Stadtrecht und wird vom
Herzog von Masowien dem Ritterorden als Zentrale überlassen. Nach dem
Verlust von Akkon im heiligen Land und zeitweiliger Niederlassung des Ordens
in Venedig ohne eine Aufgabe wird unter dem Hochmeister Gottfried von
Hohenlohe ab 1291 die Marienburg zur neuen Zentrale des Ritterordens
ausgebaut. Die etwa 20 Ortsnamen Preussens mit der Endung „ofen“ zeugen von intensiver Ziegel- und Kalkbrennerei. Für eine Konventhauses sind bis zu 4 Millionen Ziegel notwendig, bis zu 8 Brennöfen arbeiten dafür 6 Jahre lang und beschäftigen neben den eigentlichen Handwerkern am Bau 100 bis 150 Mann sowie 50 Pferde mit Fuhrwerken. Ein Ofen wird mit bis zu 75.000 Ziegeln und vielen Fuhrwerksladungen Buchenholz geladen. Das wüste Land wird systematisch urbar gemacht, Flüsse eingedeicht und Kanäle angelegt wie etwa 1395 der Kanal von Labiau zum Pregel. Für diesen Bau stellt der Ritterorden 75 Mann mit Fuhrwerken und einen Ordensbruder ab, offensichtlich als verantwortliche Bauleitung.
|
|||
Marienburg an der Nogat etwa um 1450Der wirtschaftliche Erfolg des Ordens liegt
begründet in der Sicherheit und Stabilität für das Land, einer
zentralen Verwaltung, einheitlichem Recht und dem europäischem
Handel. Es gelingt den Städten und Siedlungen ihren ständigen Mangel
zu mindern, vorzusorgen und die potentiellen Möglichkeiten besser zu
nutzen. Handelsgut ist Bernstein, Getreide, Tiere, Tuch, Asche,
Pech, Teer, Masten, Nutzholz (knarholtz, waynschos, koggenborte,
ywenholtz, wobei es viele Beschränkungen und Zollabgaben gibt. Der
Handel erfolgt über Ostsee und Nordsee sowie Oder und Weichsel. Die
Hochmeister des Ritterordens führen dazu einen intensiven
Schriftverkehr in Latein, Alt-Deutsch und Alt-Französisch mit
Handelspartnern wie etwa den jeweiligen Herrschern von Breslau, von
Burgund mit Lille, von Brabant mit Brügge, von Flandern mit
Dordrecht, von England mit London sowie mit Lübeck, Bornholm und
vielen anderen. |
|||
![]() |
|||
Im Vertrag von Soldin wird 1309 Danzig, Dirschau und Schwetz mit ihren Gebieten dem Ritterorden zugesprochen, der nach dem Aussterben der Herzöge von Stettin für 10.000 Silbermark auch noch Pommerellen dazu kauft. Die Burgen Stolp und Schlawe bleiben dagegen beim Land Brandenburg. Im Frieden von Kalisch entsagt 1343 der Polenkönig Kasimir endgültig allen Ansprüchen auf Pommerellen und das Kulmer Land. Die kommerzielle Seite des Handels wird durch Schuldschreiben und Garantien geregelt wie der Brief der Stadt Stolpe von 1385 über 10.000 preußische Mark an den Hochmeister Konrad Zöllner von Rotenstein, die Zusage des Deutschmeisters Siegfried von Venningen sein Darlehen von 16.400 Gulden zurückzuzahlen, die Zahlung von 15.000 ungarischen Gulden durch Hochmeister Heinrich von Plauen an König Sigismund von Ungarn oder 1382 die Vollmacht der Stadt Riga für Johanni Bernier und Hinrico Steenbeken in Danzig eine Partie Tuch aus Brügge abzuholen. Bereits 1386 gibt es eine Landesordnung des Hochmeisters über den Rentenkauf. Belegt sind auch Ausschlüsse von Brüdern aus dem Ritterorden wegen Missbrauch oder hoher Verschuldung wie der von Konrad von Saffinberg. Stetig zunehmender Silbermangel behindert die Münzprägung des Ritterordens z.B. in der Prägestätte von Thorn und führt zum Einschmelzen fremder Kleinmünzen und zuletzt zur Unfähigkeit des Ordenstaates den eigenen Geldbedarf zu prägen und zu decken. Die Konkurrenz durch die eingeführten Waren aus fernen Ländern und anderen Kulturen erfordert von Bauern und Handwerkern effizienter zu arbeiten und besser zu wirtschaften. Der Ritterorden beutet dagegen das an Naturschätzen arme Land aus, etwa vergleichbar mit einer Kolonialmacht, investiert davon in Kirchen, Konventhäuser und Burgen sowie in die Landentwicklung und schafft neue Möglichkeiten. Der Besitz von Bernstein als einziger Naturschatz von Wert ist dem gemeinen Volk bei Todesstrafe verboten, das Amt des Bernsteinmeisters wie etwa Wilhelm von Rumpenheim 1388 ist dafür zuständig.
|
|||
|
|
|||
1410 verpflichtet sich der Nürnberger Bürger Fricze Kleber mit 7 Pferden und Knechten dem Orden gegen freie Verpflegung als Söldner. In der Schlacht von Tannenberg im Juli 1410 verliert der Orden unter dem Hochmeister Heinrich von Plauen seine Vormacht an Polen und Livland. Der Ordensstaat wird zum polnischen Lehn, muss sich fremden Interessen beugen und die innere Ordnung zerfällt zunehmend. Der Ritterorden behält zwar fast alle Gebiete, muss aber 1411 im ersten Thorner Frieden 100.000 böhmische Mark Lösegeld zahlen. Das führt zu extremen Steuern, dem Unwillen des Landadels, Willkür, Mord und Konflikten besonders mit den Stadtstaaten. Diese Verhältnisse zeigen sich deutlich in den nachfolgenden Regesten aus der Zeit 1420-1455: Bei der Huldigung für Ludwig von Erlichshausen auf der Tagfahrt zu Elbing sagt der Hochmeister zu, - alle bei ihren Rechten zu lassen und gegen Gewalt zu schützen; - jährlich einen Richttag abzuhalten mit Prälaten, Landen und Städten; - Privilegien und Freiheiten der Untertanen zu mehren, nicht zu mindern. Dies wurde nicht eingehalten; vielmehr wurden die Stände vor den
Kaiser geladen; dort von den Gebietigern beleidigt, ohne dass der
Hochmeister einschreitet. Zudem sind sie als Eidgenossen bezeichnet
und mit Unehre behandelt worden; den Gesandten ist Raub und Mord
geschehen. Die durch den Komtur von Graudenz angekündigte Besetzung
der Ordenshäuser eben doch aus Misstrauen, der Hochmeister soll sie
abstellen. Es ist eine Unterstellung, dass sie sich bewaffnet zu
Graudenz versammeln wollten. Verweisung an den Kaiser geschieht
ihnen zu Schmach und Hohn. 1433 wird das Land von böhmischen Hussiten besetzt, die als katholische Glaubenskrieger Polens ins Ordensland einfallen und es gründlich plündern. 1440 wird vom Landadel und den freien Städten der Preußische Bund gegründet und resultiert in einem erfolgreichen Aufstand gegen den Ritterorden. Für die mit ganz Europa Handel treibenden Stadtstaaten bleibt der Ritterorden immer eine Art fremde Besatzungsmacht. Nach dem Untergang des Ritterordens werden in Danzig, Elbing und anderen Orten sofort die Ordensburgen geschleift, um jede weitere Oberhoheit des Ritterordens zu unterbinden. Der Hochmeister Ludwig von Erlichshausen ist ein schlechter Kaufmann, der zahlungsunfähige Ritterorden bleibt seinen angeheuerten Rittern den Sold schuldig. Die Ritterschaft und der Preußische Bund versagen dem Hochmeister 1454 schriftlich durch Hans von Baisen aus Thorn die Gefolgschaft, setzen ihn gefangen und verkaufen ihn samt seiner Marienburg an den polnischen König Kasimir IV, der als „Sieger“ einzieht. Um diese „nationale Schande“ vom Verrat der deutschen Ordensritter zu tilgen, beschließt Kaiser Wilhelm II durch den Reichstag die Marienburg zu schleifen, was der erste Weltkrieg verhindert. Wagte im Dritten Reich ein Schüler diese Tabu-Vorgänge zu hinterfragen, so wurde er von der Schule verwiesen. In der verklemmten Ideologie von Kaiserreich und NSDAP waren die Germanen und Ordensritter immer groß, blond, edel, stark, heldenhaft und von untadeliger Moral – also Märchengestalten und keine realen Menschen. Für das dem Ritterorden verbliebene Gebiet muss der Hochmeister 1457 dem polnischen König den Eid ablegen. Das an Polen abgetretene Gebiet wird 1467 mit dem zweiten Frieden von Thorn in die Wojewodschaften Pommerellen, Kulm und Marienburg eingeteilt. Mit der Reformation werden ab 1517 in kurzer Zeit alle Kirchen evangelisch und das Schulwesen erhält deutlich Auftrieb. Der letzte Hochmeister Albrecht von Brandenburg tritt zum evangelischen Glauben über, die Ordenszentrale wird nach Bad Mergentheim und später nach Wien verlegt. 1525 erfolgt die Säkularisierung des Ordenstaates, Albrecht von Brandenburg wird im Frieden von Krakau vom Polenkönig als Herzog in Preußen anerkannt. Die Stellung des "Königlichen Preußen" mit Königsberg als Regierungssitz zur polnischen Krone sowie Sonderrechten wie etwa eine unabhängige Landesregierung werden für zwei Jahrhunderte Gegenstand immer neuer Auseinandersetzungen. Bereits zur Zeit des Ritterordens kommen viele Holländer ins Land und gründen am Weeske Fluß die Siedlung Preußisch Holland. Auch Danzig beherbergt viele Holländer, die dort ab 1492 im Artushof gesellige Zusammenkünfte pflegen und eine holländische Handelsbank betreiben. Ab 1527 kommen aus Holland etwa 3.000 Mennoniten, einer protestantischen Täufersekte, die konsequent Militär- und Kriegsdienst sowie jeden Eid ablehnt und deswegen in Holland verfolgt wird. Diese Haltung können sie bis zum zweiten Weltkrieg durchhalten, die jeweiligen Herrscher verlangen von ihnen dafür immer wieder hohe Abstandszahlungen. Auch die Mennoniten werden ab 1945 von den Polen bzw. Russen vertrieben, viele wandern nach Südamerika aus. Dagegen dürfen jüdische Einwanderer im antisemitischen Ordensstaat weder leben noch dort siedeln. Mit den holländischen Siedlern kommen Deichbauer ins Land, die das versumpfte und von Hochwassern bedrohte Weichseldelta bis etwa 1630 eindeichen, trocken legen und die Niederung fruchtbar machen. In den Regesten ist bereits 1387 ein Streit um die Deichbaupflicht zwischen dem Pfarrer und dem Teichgeschworenen auf dem Werder belegt. Bei Deichbrüchen durch Eisgang kommt es immer wieder zu Überschwemmungen wie etwa in den Jahren 1784, 1876 und 1888. Andere Siedler lassen sich an der Ostseeküste nieder. In das kaschubische Kernland und die Tucheler Heide weiter westlich dringen sie kaum vor, hier sind die Böden sandig und die Erträge entsprechend niedrig. Nach dem 30-jährigen Krieg bis 1648 und dem Einfall der Tartaren
nur 8 Jahre später ist das gesamte Land furchtbar verwüstet und
stark entvölkert. Die Pest sucht das Land in den Jahren 1529, 1538,
1549, 1600, 1624, 1629 und 1710 heim. Die medizinischen Symptome
dieser Seuche mit einer möglichen Quarantäne von 2 Wochen lassen
eher auf eine Art Ebola Fieber schließen, Rattenflöhe hält keine
Quarantäne auf. Ab 1593 kommt die Gegenreformation auch nach Preußen
und viele der Kirchen werden wieder katholisch. Damit beginnt ein
sinnloser Zank zwischen den evangelischen Preußen und den
erzkatholischen Polen mit Kriegen, Leid, Hass und Zerstörung als
Folge. |
|||