Auf den Spuren der Vorfahren
Ein Reisebericht aus dem Jahre 2004 von Günter und Herbert Baur (Teil 3)

4. Tag: Marienburg - Marienwerder


Marienburg von westlich der Nogat  - Foto: Günter Baur

Den Vormittag des kommenden Tages nimmt die Anfahrt und eine deutschsprachige ausgedehnte Führung durch die Marienburg der "Teutschherren" in Anspruch. Wir parken bewacht auf dem westlichen Nogatufer und nähern uns der gewaltigen, siebenfach umringten Backsteinburg über eine Ersatzbrücke nahebei.

Kurz vor 1200 hatte Papst Innozenz III die ursprünglich im Heiligen Land bei Acco Pilger und Krieger pflegenden deutschen Hospitalbrüder zusätzlich mit dem Heidenkampf beauftragt. Dem war ein Ersuchen des katholischen polnischen Königs vorausgegangen, der mit den östlich an der unteren Weichsel siedelnden heidnischen wilden Pruzzen nicht fertig wurde. Das war die Geburt des Deutschen Ordens als Ritterorden nach dem Vorbild der Templer und Johanniter. Wie jene legten die Mitglieder die Gelübde zu Armut, Keuschheit und Gehorsam ab und gewährten militärischen Pilgerschutz verbunden mit Kampf gegen die Heiden. Die Ritter kamen aus allen Regionen vornehmlich des Deutschen Reiches. Ihre Organisation gliederte sich in Kommenden (z.B. Mergentheim), zu Balleien zusammengefasst unter einem Deutschmeister und unterstand letztlich dem Hochmeister, der ursprünglich in Acco bei Jerusalem residierte und später in Venedig, von wo er im Laufe der Entwicklung seinen Sitz nach Marienburg verlegte. Der Orden baute Burgen als Stützpunkte im Heidenland, deren bekannteste und größte war Marienburg, wo später im Zuge der Ausbauten der Hochmeister zwischen 1308 und 1456 residierte. Als Dank für die Niederwerfung der aus dem Baltikum nach Abzug der Goten hereingedrängten Pruzzen übertrug der polnische König den Kreuzrittern das Kulmer Land. Die Goldbulle von Rimini diente dem Orden dann als rechtliche Grundlage für die Errichtung eines Ordensstaates, in dem deutsche Bauern angesiedelt und deutsche Städte gegründet wurden. Dies scheint die Ursache aller späteren Konflikte zu sein. Der Orden entwickelte sich zu einem territorialen ausdehnungsbestrebten Machtgebilde, das 1466 Westpreußen nach der 1410 verlorenen Schlacht von Grünberg (= Tannenberg) an Polen abtreten musste. Unter dem Einfluss Luthers hat der Hochmeister Albrecht zur Besitzerhaltung sein Habit 1525 an den Nagel gehängt, um sich und einen Reststaat als Lehen dem polnischen König zu unterstellen. Das war die endgültige Säkularisierung des Ordens und die Geburtsstunde Preußens als protestantisches Herzogtum mit der späteren Hauptstadt Königsberg. Auch dieses Gebilde wurde im Zuge der Machtentwicklungen und Besitzergreifung und Majorisierung des Deutschen Reiches weltweites Ärgernis und 1946 nach dem Willen aller Siegermächte endgültig aus der Geschichte gelöscht.

72.000.000 Ziegel sollen in 100jähriger Bauzeit für das elegante spätgotische Profanbauwerk mit Ähnlichkeiten zu Avignon verarbeitet worden sein und das Material bezog man nicht vom Baustoffhändler. Immer wieder wurde die Anlage erweitert und verändert, bis die größte Burg Europas entstanden war, uneinnehmbar jeweils in ihrer Zeit. Die Anlage, ursprünglich ganz von Wasser umgeben und über eine hölzerne Brücke erschlossen, war eine Mischung aus weltlicher Residenz und Kloster für die Ritterbrüder. Nachdem der poln. König Kasimierz sechs Tore bei einem Staatsbesuch durchschritten hatte, soll er alle Angriffspläne verworfen haben. Um 1280 hatte man mit einem Konventshaus begonnen, heute das Hochschloss im Kern der Anlage. 1309 war dann neben dem Deutschmeister auch der Hochmeister Siegfried von Feuchtwangen von Venedig hierhin übersiedelt und leitete damit eine generationenlange Bautätigkeit ein, die letztlich 1382-99 in den Bau eines Hochmeisterpalastes in Form eines riesigen Donjons (Wohnturm) einmündete.

Die Anlage konnte nur durch Bestechung in Besitz genommen werden. Söldner erhielten daher im 16.Jh. die Hälfte der jährlichen Staatseinnahmen, um die Schlüssel an den Polenkönig zu übergeben, der dann hier eine Residenz für Reisezeiten errichtete. Ab 1775 diente die Burg den Preußen z.B. als Kaserne, Sie hatten ja mit Russland und Österreich die polnische Nation aufgeteilt. Es erfolgten mehrfach in verschiedenen Stilen bis ins 20.Jh. hinein Umbauten und sogar ein Abriss wurde diskutiert.
 


1945 - Die zerstörte Marienburg (Repro-Foto: Günter Baur)

1945 belagerten dann die Russen von der Ostseite her mit modernen Waffen 4 Wochen lang die Burg. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt das Ende. Auch hiernach begann 1960 ein Wiederaufbau im Sinne der Entstehungszeit, der bis auf die Kirche abgeschlossen ist.

In der Anlage befindet sich im Außenring ein gutes Hotel. Dort beschließen wir zu speisen, bevor wir am Spätnachmittag die Burg in Marienwerder begehen.

Marienburg
1 Pfauen-Bollwerk
2 Pfarrkirche
3 Rathaus
4 St. Lorenz-Kapelle
5 Karwan
6 Gießhaus
7 Buttermilchturm
8 Brückentor
9 Toranlage

10 Großer Remter
11 Ostflügel (Bernsteinausstellung)
12 Hochmeisterpalast
13 Tor des Hochschlosses
14 SL Annenkapelle
15 Glocken- und Wachtturrn
16 Kapitelsaal 17 Dansker
18 Goldene Pforte
19 Sammlung mittelalterlicher Skulpturen

 

Im 37 km südlicher liegenden Marienwerder ist am ehemaligen Weichselufer in einem Hang weitgehend eine Domkapitelburg erhalten. 1233, fast 2 Generationen vor Marienburg, haben hier die Bischöfe von Pomesanien die Stadt gegründet und man streitet, was Henne und was Ei ist. 1322 wurde mit der Burg begonnen und 1344 mit der Kirche. Auch diese Anlage hat großen Ruf.

Wir erreichen gegen 16.30 Uhr den Baukomplex im Abendlicht und eine Begehung der nur halb erhaltenen Kapitelburg ist nicht mehr möglich. Bei der Begehung der sterngewölbten Kirche höre ich deutsche Stimmen im Turm und erfahre, dass ein junger Arbeitsloser aus dem Ort gerne mit seinen Bekannten deutsch spricht, wie es sein Vater mit ihm tat und er heute mit seinen Kindern. Wir dürfen bis zum Beginn der Abendmesse vorbei an den Glocken in die Zinnen des Turms steigen und erleben weite Ausblicke über Stadt und Landschaft.


Blick vom Turm der Kathedrale über die Stadt Kwidzyn (Marienwerder)  - (Foto: Herbert Baur)

 
Kwidzyn (Marienwerder) Domkapitelburg und Kathedrale

Grundriss Kathedrale
  1 Vorhalle und Mosaiken
2 Ostempore mit Fresken, darunter die Zelle der Hl. Dorothea
3 Bischofsstuhl (1505)
4 Grabkapelle Ottos Friedrich von der Groeben

Domkapitelburg (Hauptgeschoss)
5 Bergfried, gleichzeitig Glockenturm des Doms
6 Dormitorium
7 Gang zum Dansker
8 Gang zum Brunnen
 
 

Unsere neue Bekanntschaft, Herr Kartz, erläutert die Besonderheiten der Innengestaltung, führt einen offenen evangelischen Beichtstuhl vor und geleitet uns auf dem Weg zur Oberkirche über dem Chor auch zum Grabmahl Generalmajor von der Gröbens, der dann ergänzend außen im Giebeldreieck seiner Kapelle ob seiner lockeren Sitten im Umgang mit Frauen deutlich persifliert wird. Die Kirche diente mit ihrem Wehrgang auch der Verteidigung. Die Gruft enthält noch die Zelle, in der sich die just selig gesprochene Dorothea aus Montau Ende des 14.Jh. einmauern ließ.

rechts:
Freundliche Betreuung in der Kathedale Marienwerder
(Foto: Herbert Baur)

 
 
 

 

 

Das ungewöhnlichste Bauwerk ist der Riesendansker, einmaliger Aufwand für eine Abortanlage!

 

 

 

links:
Dansker der Domkapitelburg Marienwerder
(Foto: Herbert Baur)