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Auf den Spuren der
Vorfahren Über
Einzel-Reisen nach Osteuropa, wie hier nach Polen, liegen 2004 wenig
verlässliche Erfahrungen vor, besonders wenn man Fahrten unabhängig von
Veranstaltern unternehmen will und zu Orten nach eigener Wahl. Da
landläufige Reisevermittler kaum beratend helfen können, haben wir zur
Hotelvermittlung den Polonia-Reisedienst in Hamburg eingeschaltet und
hierüber auch einen Leihwagen ab Stettin bestellt, da deutsche Unternehmen
kein Fahrzeug für Polen zur Verfügung stellen. Die maximale Fahrzeuggröße
entspricht Opel-Astra. |
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Polnische Währung ist hier nicht im Handel, Eintausch von Euros in größeren Hotels vor Ort zwar möglich, machte aber in einer 100.000 - Einwohnerstadt wie Graudenz das Abfragen von 4 Banken erforderlich, obwohl Polen seit 3 Monaten EU-Land ist. Stettin ist vom Flughafen Berlin-Tegel nur über eine Nebenstrecke in 2,5 Stunden erreichbar und bedingt 3/4-stündige Fahrerei und Treppensteigen innerhalb Berlins. Die Erfahrung hat gezeigt, dass derzeit zumindest im ehemaligen
Westpreußen die Hotels selbst vor Ort gewählt werden können und es gibt in
größeren Orten auch besser ausgerüstete Anlagen wie beispielsweise in der
Marienburg, wo außer einem angemessenen Restaurant für 250 bis 300 Zloti
auch mehr als 3Sterne-Komfort geboten wird. |
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| Autobahnen gibt es nicht, aber hervorragend asphaltierte Überlandstraßen, an denen z.B. bei Walddurchfahrten im Juli massenhaft Steinpilze, Pfifferlinge und Waldbeeren zu Niedrigpreisen feilgeboten werden. | |||
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Das Gegenteil gilt für die alten
Preußenstraßen zwischen den Weilern: grobes Findlingspflaster aus farbigen
Graniten, neben denen vielfach schmale Sandfurten für ruhigeres Fahren
angelegt waren. Sucht man die in Karten eingetragenen Dörfer, so findet
man für größere Ansiedlungen zwar ein Ortsschild, kaum aber einen Ortskern
im gewohnten Sinne.
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Bachor war beispielsweise nur mit aufgespürten Helfern über einen Sandweg ohne Wegweiser zu erreichen und hatte auch kein Ortsschild und genau so wenig ein Zentrum. Dafür aber zauberhafte unverfälschte Naturlandschaft, wie vornehmlich im besuchten Bereich. Oft begegnete man 1/2 Stunde oder länger keiner Bebauung und keinem Fahrzeug und wo solche bestand, kaum einmal Menschen, ausgenommen natürlich in Städten, wo unhöfliches Gebaren vorherrschend war.
1. Tag: Szczecin (Stettin) Sogar eine
Anhäufung von Bahnpersonal in Stettin konnte oder wollte auf dem Bahnsteig
keine Auskunft geben, wo ein Zug nach Berlin abfahren sollte und setzte
eine mürrische, an DDR erinnernde Behördenmiene auf. Am Bahnschalter
standen 15 m lange Schlangen quer durch die Bahnhofshalle von Stettin,
ähnlich wie hier in Kriegszeiten. Viele Altstadtkerne waren sauberer als
im Westen und intensiv farbig restauriert, dafür aber dörfliche Bauten
durchweg verfallen und verkommen, wie man es aus Indien oder China kennt. |
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| In Stettin hat man nach langer Diskussion 1955 die Weichen für eine neue Zeit gestellt und kann nun sehen, was aus der ehemals drittgrößten deutschen Stadt geworden ist. Da die durch westliche Bomber zerstörte Altstadt nach Vorstellung der herrschenden Klasse keine polnischen Elemente enthielt, wurde sie weitgehend platt gemacht und der Stadtkern mit primitiven Siedlungs- und Reihenhäusern für Wohnzwecke überplant. An zentralen Punkten waren Balkongitter als Sichtschutz mit Beton vergossen und Fenster wahllos sowohl vergrößert als auch verkleinert. Einige Baudenkmäler wurden restauriert und andere, wie beispielsweise das Greifenschloss, weitgehend auf der Grundlage eines Merianstichs alt erfunden. |
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Sogenannt Altes und Neues gehen keine Verbindung ein, die Stadträume auf teils altem Kopfstein-Pflaster mit dazwischen liegenden Wiesenstückchen und Gärtchen sind zu weiträumig und die Denkmale stehen darin herum. |
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![]() Stettin Hauptbahnhof (Foto: Herbert Baur) |
![]() Der Weichensteller (Foto: Günter Baur) |
Besonders abstoßend empfängt einen der farblos dunkle, verrostete und kaputt reparierte Bahnhof, in dem man Angst hat, irgendwo hin zu treten. Schmutz, Türen aus den Angeln, heruntergefallener Putz und grau-trübe Scheiben erwecken den Eindruck einer asiatischen Kleinstadt. Die Bahnsteige enthalten noch nicht einmal mechanische Abfahrtshinweise, wie sie früher an Dorfbahnsteigen üblich waren. Vor dem Hauptausgang fließt die Oder und an der entlang hinter dem neuzeitlichen Denkmal des Weichenstellers reihen sich trostlose Industrieanlagen. | |
Die verkommenen schmuddeligen Taxen erinnern an Istanbul vor 40 Jahren. Unser vorbestelltes Hotel unterhalb des Greifenschlosses erreichen wir mit unseren Trolleys und Handgepäck mit letzter Kraft fußläufig. An einer großen Kreuzung von Straßen, Straßenbahnschienen, Kabeltrassen und Oder kann man in einer der vielen Buden Taubenfutter und Votka kaufen. |
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| Wir besuchen noch in der frühen Abendsonne eine Bierterrasse, stark besetzt mit Skandinaviern, denen ja früher die Hafenstadt gehörte; im Inneren hinter den farbig renovierten Barockfronten stehen Fahrräder im Wege. Das Bier ist von hoher Qualität. Von meinem Stuhl sehe ich gegen den Laubengang des alten gotischen Backstein-Rathauses zwischen uns und dem Hotel. Die übrigen Seiten des geneigten Pflasterplatzes sind denkbar ungestaltet, ja verkommen. |
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Wir haben die Reste des Königstors gesehen und gegenüber die Backsteinfassaden der Peter- und Paul-Kirche mit ihren zaghaften Schmuckversuchen aus dem 14.Jh. In der Jakobikirche, aus dem 14.Jh. stammend und heute Kathedrale, besuchen wir einen Gottesdienst, dessen Predigt nicht enden will. Stettin - Jacobikirche (Foto: Herbert Baur) |
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Der Hof des Schlosses ist für Freilichtveranstaltungen hergerichtet und grau wie unser Hotel. 2. Tag: Stargard - Marienwerder Am 2. Anreisetag nehmen wir bei Hertz den bestellten Astra mit
Klimaanlage entgegen, der aber ein Corsa mit Schaltgetriebe ist, vorne
einen halben Spoiler herabhängen hat und hinten keinen ausreichenden
Gepäckraum für 2 Personen bietet. Unser Vertragspartner sitzt in Hamburg
und wir gegen 11.00 Uhr in einem reichlich engen Auto. |
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| Wir erreichen zum ersten Stop,
Stargard in Pommern, ehemals reiche Hansestadt, und polnisches Wetter
umfängt uns, als wir die gotische Marienkirche aus dem 14./15.Jh. und
unter dem Schirm den barocken farbigen Marktplatz besichtigen.
Und als mir vor einem Kaufhaus ein Passant erzählt, er sei in westlicheren Regionen geboren und habe auch Verwandte in Aachen, übe ich mich erstmalig in Rückendeckung durch eine Wand und im Tastkontakt mit Geldbeutel und Kamera. Auch zum Auto gehe ich nicht unbegründet mehrfach zurück, bis die Umgebung wieder frei ist. Stargard - Rathaus und Marienkirche |
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Die nächste Pause machen wir erst gegen 2.00 Uhr nach langer Fahrt durch die Wälder und Felder in einer rustikalen Raststätte und essen Heilbutt und Barsch.
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Gegen 18.00Uhr des 2. Reisetages erreichen wir bei beginnender Dämmerung die Nogat, einen der alten Weichselarme, umrunden als ersten Eindruck kurz die wiederaufgebaute Marienburg und fahren auf einer Hochebene durch Wälder zum ausgemachten Quartier im südlicheren Marienwerder. |
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Der Stadtpassant, der uns zum Hotel gegenüber dem Bahnhof geleitet, erbittet 2 Zloti und als Nachschlag eine Zigarette, bevor er zur Bushaltestelle zurückgeht. Der Hotelhof für das Auto ist verschließbar, Empfang und Speiseraum sind farblich aufgedonnert, da man wegen günstigerer Preise langfristig die jüngeren Gäste aus Mallorca umleiten will, wie man uns später erklärte. Die Zimmer haben eine eingebaute enge Nassstelle, in der die Toilette für jugendliche Akrobaten gut zu erreichen ist: Bauch hochdrücken, zwischen Waschtisch und Topf klemmen und dabei mit einer Hand nach hinten den Deckel hochhalten, der anderenfalls auf die Brille poltert. Die Luftschutzbetten sind mit Schaumstoffmatratzen in Sofabezug auf fühlbaren Bretterrosten ausgelegt. Als Bettdecke fungiert eine in Bezug eingelegte Wolldecke. Ein Kleiderschrank fehlt noch, es gibt aber einen Bügel. Leider laufe ich in der Dämmerung mit der Stirn gegen die metallene Trägerplatte des Fernsehers. Stuhl, Tisch und Sessel sind wegen Lichtmangel abends nicht nutzbar. Wir essen abends häufig im Haus und sehen dabei kaum Gäste. Warum sollte man hier länger verweilen? | ||
| Wegen der fortgeschrittenen Zeit besuchen wir die Burg mit dem Auto. Aus dem Gestrüpp vor der Kirche unter uns im Hang nähern sich in der Dämmerung abenteuerliche Gestalten, die uns ansprechen. Auf dem Parkstreifen liegen frische Glassplitter und wir bringen den Wagen vorsorglich fort, nicht ohne noch kurz den größten Abortbau, Dansker, eine Anlehnung an die mit den Kreuzrittern rivalisierenden Danziger, in seinen riesigen Ausmaßen ursprünglich mit seinen Bogenstellungen ins Flusswasser ragend, gesehen zu haben. Alle Details sind auch hier den kommenden Tagen vorbehalten. |
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