XVI. Ausklang

„Zu Hause"

Wer in stiller Stunde Rückschau hält auf sein bisheriges Leben und Erleben, erinnert sich besonders gern der Zeit und der Stätten seiner Kindheit und Jugend. Das hat verschiedene Gründe:

Einmal ist die Seele des Kindes aufgeschlossen für alle Eindrücke, und alle Erlebnisse prägen sich besonders tief ein; es sieht eine Umwelt ohne Argwohn und Zweifel, und so bleiben die Erinnerungen an Kindheit und Jugend immer unter einer positiven Beleuchtung. Dagegen haben sich die Erlebnisse und Begegnungen aus späteren Lebensabschnitten, soweit sie nicht besonders einschneidend unser Dasein bestimmten, nicht so unserem Gedächtnis eingeprägt. Sie waren im Kampf und in der Hetze des Lebens flüchtiger, und wir standen dann unserer Umwelt schon mit Kritik und Vorbehalten gegenüber. Schließlich kommt der Segen der Zeit dazu, d. h. der langen Zeitspanne von unserer Jugend bis heute, der darin besteht, daß wir vergessen, daß es auch in unserer Jugend und Heimat böse Menschen gab wie immer und überall, so daß uns unser damaliger Lebenskreis heute durchweg bieder, wenn nicht sogar edel erscheint und von einer gewissen Erhabenheit verklärt wird.

Das schöne Bild von unserem Heimatstädtchen und seiner Umgebung, das wir heute im Herzen tragen, soll durch das vorliegende Erinnerungsbuch erhalten, aufgefrischt und gewissermaßen „konserviert" werden. Die daran arbeiten durften, taten es aus der Verpflichtung, die ihnen daraus erwuchs, daß sie zu der Generation gehören, die noch in der Lage ist, über etwa zwei Jahrzehnte des Lebens in Garnsee aus eigenem Erleben dort und aus der Anschauung und Erinnerung zu berichten. Dennoch fragt vielleicht dieser oder jener, warum wir überhaupt unsere karg bemessene Freizeit der Gestaltung des Erinnerungsbuches schenkten. Warum nun haben wir uns eingesetzt für ein Buch über die kleine, relativ arme und, an anderen Gemeinwesen gemessen, nicht besonders bedeutende Stadt Garnsee und ihre Umgebung? Die Antwort darauf gibt uns unser großer Dichter Friedrich Schiller, der in seinem „Wilhelm Teil" im Zusammenhang mit dem Begriff „Vaterland" sagt: „Hier sind die starken Wurzeln Deiner Kraft!" Setzen wir für den großen Begriff „Vaterland" das schlichte Wort „Zuhause", dann haben wir die Antwort und zugleich den Schlüssel für die Magie, die uns an unserem Garnsee so hängen und für seinen Fortbestand in unseren Herzen wirken läßt.

Was ist dieses Besondere an unserem Heimatstädtchen und seiner Landschaft? Wir wurden dort geboren oder kamen als kleine Kinder dorthin. Wir besuchten gemeinsam die Schule, eine bemerkenswert gute Schule. Alle kannten wir uns, und groß war auch die verwandtschaftliche Verflechtung. So wuchsen wir auf in einer Welt, die keinen ausschloß und für unsere kindlichen Begriffe keinen Neid und Hader kannte. Welche Atmosphäre der Besinnlichkeit und der Ruhe atmete ein Sommerabend in Garnsee, wenn Bürger und Jugend auf den Bänken vor den Häusern ihre Erlebnisse austauschten. Von den Seen her hörten wir das Quaken der Frösche. Allmählich wurde der Abend stiller, und das Erscheinen des Nachtwächters mit seinem Hund war wohl allgemein das Signal, den Tag als beendet zu betrachten. An vielen Wochenenden und Sonntagen wurde die Lebensgemeinschaft Garnsee eine Festgemeinschaft. Dafür sorgte das reiche Vereinsleben, und alle Feste wurden von einem sehr großen Teil der Einwohner von Stadt und Land besucht. Eine Mitgliedschaft spielte dabei keine Rolle, die Mitglieder hatten eigentlich nur den „Vorzug", die Vorbereitungen zu treffen. Und wer kann wohl die Sonnenwendfeier mit der „Hexenverbrennung" vergessen; da wurde ein Volksbrauch zu einem kleinen Volksfest. Ich kenne die Sonnenwendfeiern der baltischen Völker, die diese Feiern besonders pflegen, aber an Originalität wurde die in Garnsee nicht erreicht.
 


Garnsee "Zukunftskarte" von 1908
(Zur Verfügung gestellt von Ralf Jansen)


In unserer engen Heimat erlebten wir jungen Menschen unsere erste Liebe, und in vielen Fällen wurde aus einer zarten Jugendfreundschaft eine Partnerschaft für das ganze Leben. Viele von uns mußten nach der Schul- oder Berufsausbildung unser Garnsee verlassen; denn die Wirtschaft unseres Städtchens bot nur bedingt eine Lebensbasis. So gingen wir fort, meistens in die Großstadt, deren Industrie und Verwaltung gern junge Kräfte aufnahm und ihnen bei entsprechender Befähigung einen steilen beruflichen und wirtschaftlichen Aufstieg gewährleistete. Und da begann der Zauber unseres „Zuhause", unseres bescheidenen Städtchens Garnsee, zu wirken. Während wir in Opern- und Konzertsälen oder bei Sportveranstaltungen, die ausgerichtet waren nach den Ansprüchen der Großstadt, Entspannung von des Tages Hast hatten, sprachen wir oft an stillen Abenden zu Hause mit ein wenig Wehmut von Garnsee und seinen Menschen. Ein Besuch von dort war uns ein Fest. Und ein Reisebüro brauchten wir auch nicht zu bemühen. Während sozusagen „vor unserer Tür" Weltbäder lagen, führte unser Urlaub immer nach Garnsee — wir sagten „nach Hause".

Gestatten Sie mir, in diesem Zusammenhang zwei Erlebnisse zu erwähnen, die das vorher Gesagte unterstreichen: In der Weihnachtszeit des Jahres 1937 begegnete ich in Garnsee meinem Verwandten Artur Schreiber. Wir, die wir beide aus Städten kamen, die über Dome mit gehobenster Feiergestaltung verfügten, beschlossen, am Heiligen Abend gemeinsam den Gottesdienst zu besuchen. Nun wurde damals die Kirche gerade renoviert; so saßen wir dicht gedrängt auf schlichtesten Bänken in der Jugendherberge und erlebten den Gottesdienst. Wir hörten die uns bekannte Stimme unseres Pfarrers, wir hörten den Schulchor und betrachteten noch einmal das Krippenspiel; wir kamen nicht dorthin, weil wir das Weihnachtsevangelium nicht kannten, sondern wir hatten wohl einfach das Bedürfnis, den Weihnachtsabend in besonders heimischer Atmosphäre zu erleben.

Dezember 1944 hatte ich einen kurzen Wehrmachtsurlaub. Natürlich war ich in Garnsee. Den Besuchen bei Verwandten schloß sich ein Besuch bei meinem Schulfreund Hubert Gehrke, der zufällig auch in Urlaub war, an. Am Abend gingen wir noch gemeinsam durch unsere kleine Stadt. Unser Gespräch und unsere Stimmung wurden unausgesprochen bereits überschattet von der Ahnung dessen, was die nächste Zukunft wohl für Garnsee bereithielt, und am nächsten Tage spazierte ich noch einmal nach Dianenberg und über Schwarzhof zur Stadt zurück; dies war einmal der Weg des ersten gemeinsamen Spaziergangs mit meiner Frau — vor nunmehr 40 Jahren. Als Soldat im Osten ahnte ich angesichts der damaligen militärischen Lage, daß dieses „zu Hause" wohl für lange Zeit der letzte Spaziergang sein mußte.
 


Blick zur Stadt von der Dianenberger Chaussee
(Zur Verfügung gestellt von Alfred Abraham)


Was nutzen alle Erinnerungen, wird mancher Leser fragen, wenn jetzt doch alles für uns nicht da ist? So bitte ich Sie, meine Landsleute, nicht eine Virtuosität darin zu entwickeln, unglücklich zu sein, sondern zu betrachten und zu pflegen, was uns im Augenblick geblieben ist:

Unsere Heimat war doch nicht nur Land, Straßen und Häuser, unser „Zuhause" wurde doch erst mit Leben erfüllt von den Menschen, die dort wohnten und wirkten. Die aber sind trotz mancher schmerzlichen Lücke da, sie bilden eine Schicksalsgemeinschaft. Wer die Möglichkeit des gegenseitigen Besuches hat, sollte sie nützen. Uns allen aber ist das Heimattreffen in unserer Patenstadt immer ein besonderes Erlebnis.
 


Blick in eine Heimatkreistagssitzung
(Zur Verfügung gestellt von H. Schachschneider)


Wenn die Zeit auch so knapp ist, daß es für manchen nur eine kurze Begrüßung oder einen Händedruck gibt, so erhalten wir in den Stunden dort doch immer wieder neue Nahrung für die „Wurzeln unserer Kraft", und die Stimmung und Gemeinschaft läßt uns dort sein, wohin uns wohl täglich eine stille Sehnsucht zieht, läßt uns sein — „zu Hause".

Heinz Saß