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III. Garnsee und seine Geschichte
l. Allgemeines
In der Mitte zwischen den beiden Städten Graudenz und Marienwerder liegt das kleine Städtchen unserer westpreußischen Heimat. „Garnsee", um die Jahrhundertwende umgarnt von zwei Seen, zählte 1087 Einwohner, die durchweg rein deutscher Abstammung waren. Tüchtige Kaufleute, Gewerbetreibende, Handwerker und Bauern waren es, die Jahrhunderte hindurch in ihrem kleinen Gemeinwesen ihr Deutschtum bewahrten. In der Umgebung lebten gut wirtschaftende Bauernfamilien. Ein Spaziergang durch die über 600 Jahre alte Stadt und die Umgebung ließ erkennen, daß sich jeder Bürger wohl fühlte.
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Das alte Stadttor um 1800 |
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Wenn man die Graudenzer Straße heraufkam und durch das alte Stadttor ging, sah man als erstes das im Herrenhausstil erbaute Pfarrhaus und die Kirche mit ihrem wuchtigen Turm aus dem Jahre 1350. Ihre drei großen Glocken riefen die Gläubigen zum Gebet und zur inneren Einkehr. |
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Am Gotteshaus vorbei gelangte man auf die verbreiterte Hauptstraße, den Marktplatz. Welch liebliches Bild fesselte das Auge, wenn man die Hauptstraße hinuntersah. Hat es Ritter Dietrich, genannt Stange, wohl vorausgeahnt, daß auf diesem schmalen Landrücken zwischen zwei Seen solch schmucke Häuser stehen werden?
Die Mehrzahl
dieser Häuser war neu, denn der große Brand von 1877 hatte den größten
Teil der kleinen, eng aneinander liegenden Häuschen in Asche gelegt. Auch
das Rathaus wurde mitsamt seinen wertvollen Urkunden und Akten ein Opfer
der Flammen. |
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Die neu entstandenen Häuser schufen ein reizvolles Straßenbild. Dennoch war Garnsee eine alte Stadt. In den die Hauptstraße umspannenden wenigen Nebengassen gab es noch viele alte einstöckige vom „Zahn der Zeit" stark benagte Anwesen. |
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Die günstige Lage der Stadt an den Reichsstraßen Marienwerder-Graudenz-Freystadt brachte es mit sich, daß trotz des zweieinhalb Kilometer von der Stadt entfernt liegenden Bahnhofs ein recht reges Leben herrschte. Die Bewohner der Umgebung kamen gern nach Garnsee und kauften hier ein. Nach der unglücklichen Grenzziehung im Jahre 1920, die auch den Bahnhof zu Polen schlug, war das einst so rege Marktleben still geworden. Aus der Erkenntnis heraus, daß jede Stadt zu ihrer wirtschaftlichen Entwicklung einen Schienenstrang brauche, wurde um das Jahr 1927 durch die Reichsbahnbehörde ein neuer Bahnhof errichtet. Eine allgemeine Besserung trat ein, nur die Grenzpfähle hemmten die Wirtschaft. |
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Nach dem l. Weltkrieg wurden auch in unserer Stadt zur Abschwächung der
drohenden Arbeitslosigkeit allgemeinwirtschaftliche Arbeiten in Angriff
genommen. Eine solche war die Entwässerung der beiden Seen, des Brauhaus-
und Krautsees. |
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Daß unsere Grenzlandbürger zu ihrer Heimat und ihrem angestammten Boden hielten, bewies die Abstimmung am 11. Juli 1920, als 98% für ihr Deutschtum die Stimme abgaben.
Um 1925 zählte man im geschlossenen Teil der Stadt 98 Häuser und 69 Gewerbetreibende. In der Umgebung waren 114 landwirtschaftliche Betriebe und weitere 18 Gebäude im Ortsteil Schwarzhof, 19 Gebäude im Ortsteil Herminendorf-Eichbusch, und 29 Gebäude in der Feldmark. Für den geistigen und körperlichen Ausgleich sorgten die ca. 15 Vereine, und so kam auch viel Leben von außerhalb in unsere Stadt. Es wurden Sportfeste und andere große Treffen abgehalten. Besonders erwähnenswert ist das Gausängerfest im Jahre 1925, an dem sich große Abordnungen aus dem ganzen ostpreußischen Gau zum deutschen Lied bekannten.
2. Geschichtliches unserer Stadt
Die Lage der Stadt Garnsee auf einem Landrücken zwischen zwei Seesenken läßt heute nur in geringem Maße ihren Vorteil zu der Zeit vermuten, als dichte Wälder das Preußenland überzogen, die Sümpfe und Seen noch nicht entwässert und Straßenbauten noch nicht durchgeführt waren.
Die natürlichen Abflüsse der Gewässer erfolgten südlich der Stadt in tief geschnittene Rinnen zur Ossaniederung und nördlich durch den Rudener Bach zur Liebe. Die beiden abgelassenen Seen, der Brauhaus- und der Krautsee, bildeten noch vor wenigen Jahrhunderten ein zusammenhängendes Gewässer mit einem unbedeutenden Abfluß in das Prenzawa-Fließ. Damit besaß das im Westen, Osten und Süden von Wasser umspannte Stadtplateau nur einen offenen Zugang von Norden her, konnte also durch Gräben und Verhaue zwischen den nördlich der Stadt gelegenen Seezipfeln verteidigt werden. Die Senke des späteren Stadtgrabens ist noch heute sichtbar.
Die Sicherheit der Lage allein war aber offenbar nicht nur der Anlaß zur Anlage der prähistorischen Siedlungen auf der natürlich geschützten Halbinsel, vielmehr mußte es jedem Volke, das die Räume nördlich der Ossa besiedelte, darauf ankommen, den Durchzug feindlicher Heere von Süden her an günstiger Stelle zu sperren. Bodenfunde aus der Stein- und Bronzezeit bezeugen die frühzeitige Ausnutzung Garnsees als Siedlungsstätte. Boten doch Seen und Wald und Ackerböden der Umgebung auch den Menschen der Vorzeit das Betätigungsfeld für ihre einfache Lebensweise. Seit 500 Jahren vor Christus war das Land um Garnsee und nördlich davon das durch Wald geschützte Siedlungsgebiet der Nordgermanen, deren Reste, gotische Völker, noch Jahrhunderte lang nach Christus hier wohnten und sich mit den von Osten her langsam vordrängenden Pruzzen mischten.
Von Süden her drangen die Polen weichselabwärts bis zur Ossa vor, nördlich stießen die Pruzzen an die Weichsel. Als seit Ende des ersten christlichen Jahrtausends die beiden Völker unter dem Drucke ihres Bevölkerungszuwachses gezwungen waren, ihren Siedlungsraum auszubreiten, begannen die Grenzkämpfe, die bald von der einen, bald von der anderen Seite vorgetragen, für die Pruzzen zum Beginn des 13. Jahrhunderts einen günstigen Abschluß erwarten ließen. In diesem Kampf, zu dem von Seiten der christlichen Polen zu Kreuzzügen gegen die heidnischen Pruzzen gerufen wurde, griffen die Brüder vom deutschen Hause auf Veranlassung des polnischen Herzogs Konrad ein. Ihrer überlegenen Kriegskunst, ihrer Geschlossenheit als Orden, und ihren größeren, vom deutschen Reiche unterstützten Machtmitteln gelang die Beseitigung der Ossawildnis als Grenzscheide zweier wesensfremder Völker. Für die Festlegung der Ossawildnis als Völkerscheide ist charakteristisch, daß hier nur bei einem völkischen Abstieg des Germanentums an der Weichsel eine Staatengrenze entstand. So war es nach dem Zusammenbruch des Ordens 1466, so nach der Vernichtung Preußens 1806/07, so nach dem Weltkriege 1914/18.
GARNSEE zur Ordenszeit
Die pruzzische Besiedlung Garnsees, das damals Gardsey hieß, muß aus den vorliegenden Tatsachen geschlossen werden. Die historischen Quellen beginnen erst nach den Pruzzenaufständen zu berichten. Es ist anzunehmen, daß vor der Ordenszeit dort eine Feste mit einigen anwohnenden Pruzzen gestanden hat, also keine geschlossene städtische Siedlung vorhanden war. Die Pruzzenburg wurde vom deutschen Orden besetzt und die Bauern des früheren Burgherrn als Bauern belassen. Eine Neugründung nach deutscher Art als Stadt oder auch nur als Dorf konnte schon aus Mangel an geeigneten Siedlern nicht erfolgen. Bei der Errichtung des pomesanischen Bistums 1250 fiel Garnsee in den weltlichen Besitz des Bischofs. Auch in der erneuerten Grenzbefestigung 1294 verlief die Grenze im Süden ähnlich wie zuvor und wie noch heute.
Nach der Beendigung des großen Pruzzenaufstandes befand sich Garnsee in der Hand von Dietrich Stange, der als Rechtsnachfolger seines Vaters den weltlichen Besitz des pomesanischen Bischofs in Pfandbesitz hielt. Die Anerkennung zum städtischen Anwesen gab Bischof Berthold am 4. Oktober 1334 in seiner Burg zu Marienwerder. Die ausgestellte Urkunde und die Abschrift sind in dem aus dem Ende des 14. Jahrhunderts stammenden „Pomesanischen Urkundenbuch" abgedruckt. Sowohl diese Urkunde als auch die vier Jahre später ausgestellte zweite Urkunde wird unter Ausmerzung der fehlerhaften Schreibweise in Übersetzung wiedergegeben. Sie lautet:
„Im Namen des Herrn. Amen. Dem menschlichen Gedächtnisse entfallen allzu leicht die weltlichen Dinge, die weder schriftlich, noch durch Bürgschaft mittels Siegel, noch durch Zeugnis wahrhafter Zeugen verewigt werden. Wir, Bruder Berthold, von Gottes Gnaden und der Fürsorge des Apostolischen Stuhls Bischof der pomesanischen Kirche, haben mit unserm Kapitel eingehende Überlegungen gepflogen, guten Rat empfangen und wohlwollende Zustimmung nach reiflicher Überlegung gefunden, als wir unsere Stadt, die gemeinhin Gardsey genannt wird, mit einer Freiheitsbegünstigung beschenken wollten, damit sie durch die gewährte Freiheit höheren Nutzen ziehe und sich eines größeren Wachstums erfreue als bisher.
Die Stadt war nämlich früher zinspflichtig gewesen, von jetzt ab soll sie aber von allem Zinse völlig frei sein.
Den Bürgern und Einwohnern der Stadt schenken wir daselbst 6 Hufen, die sie zum allgemeinen Nutzen der Stadt künftig im Besitz haben sollen. Auch sollen sie den See, der die Stadt ringsum umgibt, ohne Zins besitzen und ebenso die mit den Bauern des Dorfes gemeinsam gehaltene Weide für ihr Vieh."
Die kleine Stadt Garnsee hatte kein Stadtgericht, vielmehr blieb der Schulze von Garnseedorf in bürgerlichen Dingen und bei leichten Vergehen zuständig. Die Kriminalsachen, soweit sie nicht der Vogt des Bischofs erledigte, wurden an das Stadtgericht in Marienwerder weitergeleitet. Im Frieden zu Thorn 1466 blieb Garnsee als bischöflich-pomesanische Stadt zwar beim Ordensreiche, lag aber hart an der Grenze Polens. Das Handwerk sank danieder, die umliegenden Dörfer hatten keine Bauern mehr. Der Rest an Wohlstand, falls überhaupt nach dem zweiten Thorner Frieden davon noch zu sprechen war, schwand nach dem Pfaffenkriege 1478/79. Das südliche Grenzgebiet des Bistums war zur Wüstenei geworden.
GARNSEE zur bischöflichen Zeit
Mit der Säkularisation des Bistums Pomesanien 1527 wurde Garnsee herzoglich-preußische Stadt. Ihre leer stehenden Anwesen besetzte der zweite evangelische Bischof Paulus Speratus mit zugewanderten böhmischen Brüdern. Während im Jahre 1535 der Versuch eines Haufens der Wiedertäufer, die Südgrenze von Graudenz her zu überschreiten, mit Waffengewalt von Speratus vereitelt wurde, fanden dagegen böhmische Brüder später Eingang. Speratus sah in ihnen nicht Eindringlinge in das lutherische Preußen, sondern unterdrückte und bedrängte Verbannte mit ähnlichen religiösen Anschauungen.
Am 13. Januar 1549 nahm Paul Speratus im Dome zu Marienwerder die Zuwanderer als Angehörige der preußischen Kirche auf. Speratus war den böhmischen Brüdern stets wohlgesinnt, trotz mancher Anfeindungen strenggläubiger Lutheraner. Mit dem Tode Speratus 1551 verloren die böhmischen Brüder ihren besten Fürsprecher. Nach dem Ableben Herzog Albrechts verschwanden sogar auf Drängen des Bischofs Wigand ihre Gemeinden. Seit 1574 verließen sie das Land, und auch die böhmische Brüdergemeinde in Garnsee, die langlebigste in Preußen, dürfte sich um diese Zeit aufgelöst haben. Der wirtschaftlich und bevölkerungspolitische Tiefstand Garnsees nach dem Hochmeisterkrieg erhellen die folgenden Zahlen. Da 25 Böhmen zugezogen waren, können bis dahin im höchsten Falle nur 13 Bürgergehöfte — einschließlich zwei Gasthäuser — besetzt gewesen sein. Rathaus, Schule, Pfarrgehöft lagen in Trümmern. Der von den Böhmen neu erbauten Stadt war kein langes Leben beschert. Ein verheerender Brand vernichtete sie im Jahre 1555. Als Herzog Albrecht von Preußen sie drei Jahre später besuchte, verlieh er ihr unter dem Eindruck des Augenscheines an Stelle des verloren gegangenen alten Privilegiums ein neues, durch das er den bisherigen Landbesitz aus staatlichem Grundvermögen erweiterte. In dieser Stadturkunde vom 12. 11. 1559 ist die Trennung von Garnsee und Garnseedorf in allen Richtungen vollzogen, beide sind völlig selbständige Gemeinden. Unter dem Amtshauptmann Absalon Reimann waren nicht nur die Höhendörfer wieder voll besetzt, sondern auch die Städte nahmen erheblich an Einwohnern zu. So werden als in Garnsee ansässig im Jahre 1607 gemeldet: 41 Kleinbüdner, 7 Orts- und 7 Neubüdner; vor den Toren dagegen sind 1694 nur 15 Büdner und 9 Vorstädter vorhanden. Die Namen der damaligen Einwohner sind aus der Kirchenrechnung von 1697 zu ersehen:
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Cornel Brandt Ernst Bradke Paul Clement Bartel Düsterwald Thomas Falkner Wilhelm Golze Andres Gorzuschow Martin Gröwe Merten Haak Johann Hartmann |
Michel Jauk Michel Kischbuch Martin König George Kuchenbecker Jacob Mehde Peter Mundt Adam Paskowski George Pastefke Michel Pastewski Christof Piscorsch |
Johann Postanowitz Peter Pultorack Martin Reingaß Paul Riedel Jacob Schurmann Michel Stölzner Simon Szinski Michel Weguse Peter Wiese |
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Die Seen südlich der Stadt waren fiskalisches Eigentum. Um die Wende zum 17. Jahrhundert hatte sie v. Lehwald aus Ottlau gepachtet, der die anscheinend sehr ertragreiche Sommer- und Winterfischerei mit 120,- M bezahlte. |
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3. Die Stadt als Burgfeste
Wenn in der Preußenzeit Verhaue und Palisaden den Ort umgaben, so wurden nach der Stadtgründung an ihre Stelle Mauern gesetzt. Auf der Südseite am Graudenzer Tor durch den Pfarrgarten und entlang der Gartenstraße sind die Steinpackungen bis zum Schulhof hin deutlich zu verfolgen. Sie gingen in das Marienwerder'sche Tor über und fanden jenseits der Hauptstraße ihre Fortsetzung in der See- und in der Schumacherstraße, bis sie um den so genannten kleinen Markt herumlaufend, am Graudenzer Tor den Ring vollendeten. Bei hohem Wasserstande erreichte das Seewasser die Stadtmauer.
Der Brauhaus-
und Krautsee hatten nicht nur im Süden eine Verbindung, sondern der
Stadtgraben vor dem Marienwerder'schen Tor war noch in der Mitte des 19.
Jahrhunderts weit genug, den Fischern den Zugang von dem einen See zum
anderen zu gestatten, wie der breitere Wassergraben südlich des Graudenzer
Tors. Die hölzerne Brücke über den Stadtgraben im Osten wurde in dem 7.
Jahrzehnt abgebrochen. Das Graudenzer Tor wurde im Jahre 1885 zum größten Teil entfernt. Sein Bogen besaß eine lichte Breite von 3,05 Meter und eine lichte Höhe von 4,70 Meter, war also ein Verkehrshindernis. Auf der Nordseite befanden sich ein Meter hoch über dem Boden zwei starke Türangeln. Demnach war das Tor nur durch ein Flügeltor verschlossen. Nach der Nordseite hin setzte eine 1,70 Meter starke Mauer an, die weiter einwärts auf die eigentliche Stadtmauer stieß. Es war hier eine vorgeschobene Toranlage mit einem Zwinger davor errichtet. In einer Seitenwand führte eine Treppe zum Obergeschoß. Die mittelalterliche Stadtanlage umfaßte den Raum, der von der Schuhmacher-, See- und Gartenstraße umschlossen wird. Die Kirche steht an alter Stätte, und die Bürgerhäuser haben sich zu beiden Seiten der erweiterten Innenstraße, des großen Marktes, gruppiert. Das Rathaus, besser gesagt, Kaufhaus, stand auf dem kleinen Markt. Die Ortsbuden lehnten sich an dasselbe. Die Stadtkämmerei, d. h. die Stadtverwaltung, besaß eine bei der Stadt gelegene Ziegelei und Land am Stadtwalde.
Da in den schweren Bränden 1736 und 1759 die Stadt Garnsee bis auf wenige Häuser abbrannte, blieben uns aus dem 18. Jahrhundert wenige Nachrichten. Aus Mitteln der Brand- und Baukasse und aus königlichen Gnadengeldern konnten die Wohnungen und das Rathaus aus Stein, z. B. wie die noch stehende Apotheke, wiederhergestellt werden.
Die 1772 erfolgte Einwohnerzählung ergab 457 Seelen. Die Zunahme der Stadteinwohner durch Kolonisten unter Friedrich II. war gering, nur drei wanderten von 1774 bis 1786 zu, ein Zeichen dafür, daß die Erben und Buden nicht „wüst" geblieben waren. Nach Rosius, „Westpreußen von 1771-1827", wurde Garnsee 1801 nochmals von einem schweren Brande heimgesucht, so daß der Staat wieder helfend einspringen mußte.
Im Jahre 1818
zählte die Stadt 745 Einwohner, davon waren 660 evangelisch, 58
katholisch und 27 jüdisch. Handel und Wandel waren durch die Nähe der
Grenze lange Zeit beschränkt geblieben. Der geringe eigene Landbesitz
förderte nicht die Wohlhabenheit. Außer Garnseedorf waren die umliegenden
Dörfer in Privatbesitz. Industrien konnten sich nicht entwickeln, nur das
Schuhmachergewerbe hatte einen einigermaßen gesicherten Absatz. Einen
gewissen Wohlstand zeigte das Städtchen am Ende des 18. Jahrhunderts.
Damals ergab die Einnahme aus der Akzise: |
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am
Graudenzer und Marienwerder'schen Tor 1798/99 |
839 Thaler |
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4. Die Bedeutung Karl Chudobas
Die Besetzung durch die Russen während des siebenjährigen Krieges blieb für die Stadt Garnsee ohne nennenswerte Folgen. In kriegerische Ereignisse wurde sie aber während des Unglückskrieges von 1806/07 einbezogen. Für den Ausgang des Winterfeldzuges in Preußen mögen die Ereignisse um Garnsee nur unbedeutende Episoden gewesen sein, jedoch trugen sie dazu bei, daß der Kommandant von Graudenz, General v. Courbiere, Zeit gewann, sich für die kommende Belagerung gründlich zu verproviantieren, um so die Festung Graudenz seinem Könige zu erhalten. Auf jeden Fall verdient die aktive Beteiligung des damaligen Stadtkämmerers Karl Chudoba die besondere Beachtung in der Geschichte Garnsees.
In den 90er Jahren des 18. Jahrhunderts als Soldat im Dragoner-Regiment zu Riesenburg dienend und dann zum Feldlazarettkassenrendantcn des Westpreußischen Reservekorps avanciert, übernahm er 1804 nach seiner Entlassung das Amt des Stadtkämmerers in Garnsee, Als der Zusammenbruch des Preußischen Heeres bei Jena bekannt wurde, meldete er sich erneut zum Heeresdienst, erhielt aber am 10. Dezember 1806 den Bescheid, daß er sich keine Hoffnung auf Einstellung machen könne, weil eine Gelegenheit „für jetzt" nicht abzusehen sei.
In der zweiten Hälfte des Januars 1807 begann der Vormarsch der Franzosen unter Lefebre auf dem rechtsseitigen Ufer der Weichsel. Graudenz wurde eingeschlossen. Preußische Streifenkommandos unter Rittmeister v. Ledebur erschienen am 30. Januar gegen Mitternacht in Garnsee, das schon einmal von den Franzosen besetzt, dann aber wieder geräumt worden war.
War Chudoba bisher nur Stadtkämmerer gewesen, so wurde er 1807, da der bisherige Bürgermeister während der Besatzungszeit geflüchtet war, zum Oberhaupt der Stadt gewählt. Die gering besoldete Bürgermeisterstelle, 300 Taler im Jahre, gab ihm für seine neunköpfige Familie nicht den nötigen Unterhalt, und er bat um eine Unterstützung bei der Regierung in Marienwerder. In dem Gesuch berief er sich auf seine verdienstvolle Tätigkeit im Jahre 1807 und auf die Zusammenbringung von 700 Taler Spende. In längeren Zeugenprotokollen wurden die Verdienste Chubodas von Zeugen der Ereignisse bestätigt.
Während der
Freiheitskriege trat er als Rechnungsführer in das 19. Ostpreußische
Landwehrbataillon ein. Seine Entlassung in den bürgerlichen Beruf erfolgte
im Februar 1815. Sein Regimentskommandeur urteilt über ihn: „Ich kann
hierbei nicht unbemerkt lassen, daß Leutnant Chuboda auch als aktiver
Offizier vor dem Feinde gute Dienste geleistet hat, welches ganz außer
seinem Berufe und also infolge seiner echt preußischen braven Gesinnung
war, die selbiger öfter schon an den Tag gelegt." |
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| Er blieb bis 1835 Bürgermeister in Garnsee und starb 1866. Seine Vorfahren waren Bauern in Garnseedorf. Am l. September 1907 wurde ein Gedenkstein aus schwedischem Granit vor der evangelischen Kirche mit folgender Widmung eingeweiht: „1806 und 1807 wirkte wider die Graudenz bedrohenden Franzosen der Stadtkämmerer, spätere Bürgermeister zu Garnsee, Pr. Leutnant d. L. Karl Chudoba umsichtig, entschlossen, opfermütig für König und Vaterland — l. 9. 1907". Die Garnsee'er taten recht daran, die Opferbereitschaft dieses Mannes ihrer Stadt den kommenden Geschlechtern als Vorbild für wirkliche Vaterlandsliebe hinzustellen. |
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