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2. Der Regierungsbezirk Marienwerder bzw. „Westpreußen"
Der Regierungsbezirk Marienwerder mit seinen rund 673.000 Einwohnern war der fruchtbarste unserer Provinz Westpreußen, der auch die anziehendsten Naturschönheiten aufzuweisen hatte. Die Ostgrenze war die Provinzgrenze zu Ostpreußen, im Westen begrenzte die Weichsel und im Süden der Regierungsbezirk Bromberg den Regierungsbezirk. Verwaltungsmäßig waren vor 1939 die Landkreise Elbing, Marienburg, Stuhm, Marienwerder, Rosenberg und der Stadtkreis Elbing zum Regierungsbezirk Westpreußen zusammengefaßt. Nach 1939 kamen die Landkreise Straßburg, Neumark, Leipe, Rippin und Briesen hinzu, während die Kreise Elbing wieder in den Regierungsbezirk Danzig rückgegliedert wurden.
Das Schicksal wollte es, daß unser Regierungsbezirk Marienwerder um das Jahr 1920 Grenzland wurde. Die Städte, die auch zum Teil die Namen der Kreise tragen, sind Zeugen einer ruhmreichen Vergangenheit; denn deutsche Ordensritter haben die Städte erbaut, um ein Bollwerk gegen den slavischen, und heidnischen Osten herzustellen. In kurzen Schilderungen soll die Entwicklung der Städte erwähnt werden:
Cadienen lockte als lieblicher Ausflugsort im Frühling, zur Zeit der Baumblüte, viele Touristen durch seine Sehenswürdigkeiten an. Die Kaiserliche Sommerresidenz, die Kaiserliche Evangelische Kirche in Majolika und die 1.000jährige Eiche sind zu nennen. Die herrlich gelegenen Ausflugsorte Succase und Haffschlößchen mit ihren Terrassen und Aussichten konnten bei den Wanderungen um Cadienen bewundert werden.
Die Stadt Christburg, ebenfalls eine Gründung des Deutschen Ritterordens, wurde 1254 erwähnt und zählte 3.600 Einwohner. Die Ordensburg ist im Laufe der Jahrhunderte abgetragen worden, der Berg, auf dem sie stand, der sogenannte Schloßberg, gehörte der Stadt und trug den Wasserturm. Ursprünglich war in dieser Stadt auch das Franziskaner-Kloster, welches im Jahre 1927 zum Kreisaltersheim umgewandelt wurde. Christburg war bekannt durch größere Pferdemärkte.
Die Stadt Elbing mit ihren 80.400 Einwohnern war die größte Industriestadt in diesem Regierungsbezirk und wurde im Volksmund der Krupp des Ostens genannt. Die Firmen Schichau, Büssing, Komnick hatten Weltruf. 1237 wurde die Ordensburg gegründet, und gleichzeitig legten Lübecker Kaufleute einen Handelsplatz an. Das Speicherviertel hatte 1396 ca. 250 Speicher aufzuweisen.
Außer den oben genannten Industriebetrieben bereicherten die Zigarrenfabrik Löser & Wolf (seit 1874), die Brauerei Englisch Brunnen und die Holzindustrie Wittkowsky das industrielle Leben. Elbing hatte eine der schönsten Umgebungen Deutschlands: fruchtbare Niederungen, Höhen mit Waldungen, das Frische Haff mit großen Obstplantagen an seiner Küste und liebliche Ferienhäuser auf der bewaldeten Frischen Nehrung. Die Krönung bildete jedoch die See mit der steinfreien Küste.
Das kulturelle Leben konzentrierte sich um moderne Schulen wie das Lehrer-Seminar, die Ferdinand-Schichau-Ing.-Schule, die Höhere Lehranstalt für praktische Landwirte und um das Stadttheater.
Deutsch-Eylau mit seinen 13000 Einwohnern liegt in den Wäldern der Grafschaft Schönberg eingebettet. Die Reize der landschaftlichen Schönheit krönt der blaue Geserich-See, durch den der Oberländische Kanal führt, der die Verbindung zur Oberländischen Seenplatte herstellt. Infolge des Holzreichtums waren drei Sägewerke in der Stadt. Sonst wäre nur noch eine Zementfabrik zu nennen, durch die etwas Industrie in die sonst landwirtschaftlich orientierte Stadt gebracht wurde. Deutsch-Eylau wurde im Jahre 1305 von Sighard von Schwarzenburg als Stadt gegründet. Zu den schönsten Baudenkmälern zählt die seit 1318 bestehende Ordenskirche.
Die 3.000
Einwohner zählende Stadt Freystadt wurde schon im Jahre 1331 von
Johannes und Ludwig von Stange als Stadt erwähnt und urkundlich
beglaubigt. Freystadt war früher befestigt, die Mauerreste sind noch
vorhanden. Sehenswert waren die im 14. Jahrhundert erbaute evangelische
Kirche, die Landwirtschaftsschule und das Kriegerdenkmal. Das Stammgut
Neudeck derer v. Benekendorf und v. Hindenburg gehörte zur unmittelbaren
Nachbarschaft. Mit dem Jahre 1920 wurde auch diese Stadt Grenzstadt. |
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Marienburg als älteste und stolzeste Stadt des Regierungsbezirks Westpreußen wurde schon 1266 zur Ordensstadt erhoben. Diese 26.000 Einwohner zählende Stadt war für jeden Besucher ein einmaliges Erlebnis und ein einmaliger Anblick. Mit seinen romantischen Laubenhäusern, der Burg und dem Schloß Marienburg war sie wohl eine Perle unter den gesamten Baudenkmälern des Ostens. |
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Die geringe Industrie — es waren zwei Maschinen- und eine Zuckerfabrik und ein Mühlenbetrieb vorhanden — entsprach dem landwirtschaftlichen Charakter der Umgebung. Eine Belebung der wirtschaftlichen Lage erfolgte durch den Bau der großen Heil- und Pflegeanstalt.
Die Kreisstadt Rosenberg mit ihren etwa 4000 Einwohnern wurde um das Jahr 1335 als Stadt erwähnt. Auch diese Stadt wies Mauerreste aus der Ordenszeit auf. Die Rosenberger Umgebung gehörte mit zu den fruchtbarsten Gebieten, die den Anbau von Zuckerrüben ermöglichte, die zur Zuckerfabrik nach Riesenburg geliefert wurden. Bekannt sind auch der Finkensteiner Forst, der viel Nutzholz lieferte und die zahlreichen Seen, die einen guten Fischfang erlaubten.
Die Kreisstadt Stuhm mit ihren 7600 Einwohnern wurde schon im Jahre 1231 angegeben und hatte damals slavischen Charakter. 1236 führte auch hier der Deutsche Ritterorden die Besiedlung des Landes durch. Von 1640 bis 1772 war das königliche Preußen mit der Krone Pomesaniens verbunden, und man sicherte den Bewohnern zu, die polnische Sprache beibehalten zu dürfen. Um 1933 waren nur 4% der Bevölkerung polnisch, aber von den Deutschen waren 59% Katholiken und 41% Protestanten. Um das Jahr 1912 wurde ein Zentral-Gefängnis errichtet, das zu den modernsten Strafanstalten Deutschlands zählte. Das Westpreußenkreuz an der Dreiländerecke von Weißenburg galt als schönes Ausflugsziel.
Tolkemit
liegt an der Küste des Frischen Haffs. Die dortige Ordensburg wurde 1454
zerstört. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte Tolkemit außer der
Fischerei und der Landwirtschaft eine bedeutende Böttcherei, die
hauptsächlich Butter- und Heringsfässer herstellte. Außerdem waren je
eine Töpferei, eine Brauerei, eine Ziegelei, eine Wasser- und Dampfmühle
und ein Steinhebebetrieb in dem Ort. Die Stadt hatte 1943 etwa 3.900
Einwohner. |
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Dort, wo das glitzernde Band der Weichsel über die fruchtbare Ebene hinauf zu den Hügeln gen Osten grüßt, liegt der Kreis Marienwerder in einer Landschaft, die durch Seen und Wälder besonders anmutig ist. Wenn der Schiffer vom Strom oder der pflügende Bauer aus der Niederung seinen Blick zur aufgehenden Sonne wandte, wurde er angezogen durch das markante Bild der weit sichtbaren Ordensburg, die dem Weichselland den Stempel seines Deutschtums aufdrückte. Wer einmal die Stufen dieser Burg hinaufstieg, um einen Blick in die Weite zu tun, der erfaßte erst die ganze Schönheit dieses Landes, das unsere Heimat war.
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Eine Statistik — entnommen
der „Weichsel-Zeitung 1943" — gibt einen Überblick über die einzelnen
Gemeinden (E. = Einwohner):
Die intensive Landwirtschaft auf dem fruchtbaren Boden spiegelte sich im Wohlstand des ganzen Kreises wider. Neben Hackfrüchten und Getreide waren Tabak und Obst die Haupterzeugnisse unserer Güter und Bauernhöfe. Wer erinnert sich dabei nicht der herrlichen Blütenfeste in Weichselburg, Kurzebrak und Nebrau oder an die anderen schönen Ausflugsorte wie Racheishof, Sedlinen und Liebenthal in der reizvollen Landschaft? Unseren ehemaligen Wanderern werden auch die schönen Jugendherbergen des Kreises in Erinnerung sein.
Wehmut und Schmerz verbinden sich mit unserem Gedenken an die Kreisstadt, die von Anbeginn ihrer Geschichte sich ihren rein deutschen Charakter erhalten hat bis zu den furchtbaren Tagen des Jahres 1945. Eine Eingliederung dieser Stadt und ihres Landes in den polnischen Staat stünde völlig im Widerspruch zu der Vergangenheit und dem in der Abstimmung im Jahre 1920 erklärten Willen seiner Bewohner, so daß wir vertriebenen Bürger des Kreises Marienwerder nicht müde werden sollten, unsere Stimme gegen solches Unrecht zu erheben. |